Zu Weihnachten.

Man begeht die alljährlichen Saturnalien der Moderne. Seit Wochen kündigen sie sich an, die Tage der zügellosen Dekadenz einer Gesellschaft, die während kurzer Zeit das Elend um sich herum vergessen darf. Überall auf der Welt verrecken sie weiter, doch heute und morgen kümmern wir uns nicht darum. Die Ablässe sind erkauft, Spende hier, Spende da, während des letzten Monats haben an jeder Ecke uniformierte himmlische Heerscharen ihren Kreuzzug ins gelobte Land des Kapitals gefeiert und auf dem Weg dahin ein Portemonnaie nach dem anderen erobert, mit schiefem Gesang, begleitet von den Hörnern Jerichos.

Ebenfalls seit Wochen wird konsequent das Aufblitzen der materiellen Gier in mediengesellschaftlich konditionierten Kinderaugen als freudiges magisches Leuchten schöngeredet, heute abend ist es soweit, wenn erschöpfte Eltern matt darniedersinken, weil sie einmal mehr die Schlacht um die Befriedung des Nachwuchses erfolgreich hinter sich gebracht haben.

Und in den Läden sieht man schon den ganzen Advent über die goldbetressten 50%-Angebote ihren Kampf gegen den Einkaufsexodus des Volks ins nahe Ausland schlagen, zu tausenden drängen sich die Halbpreislachse Leib an Leib, fast wie auf der Wanderung flussaufwärts, nur dass nicht das letzte Ablaichen im Leben hier das Ziel ist sondern die letzte Reise durch Speiseröhren in Mägen, wo sie wieder mit ihren nun nutzlosen Rogen zusammengeführt werden, die in den Auslagen gleich neben ihnen, fein säuberlich getrennt, feil geboten werden.

Einmal mehr kann man sage, bald ist es geschafft, bald ist die stressigste Zeit des Jahres vorbei, geruhsame Festtage wünscht man sich und weiss doch ganz genau, dass man damit höchstens den Moment meint, in dem man zwischen Abwaschen und Tischneudecken kurz die Füsse hochlagert und sich wünscht, sie wäre doch nur schon vorbei, die Festtagszeit, und sich auch in diesem Jahr schwört, nächstes Mal machen wir das anders.

Und in diesem Sinne. Überlebt die Tage. Und fürchtet euch nicht – bald seid ihr erlöst, denn dann ist diese Geburt gefeiert, vorüber, und es braucht weder Liebe noch Oh du Fröhliche geheuchelt werden, die Karawane zieht auch diesmal vorbei. Ganz sicher. Zum Wohl!

Die Milch kommt von der Kuh.

Nach langer Zeit muss ich mal wieder was loswerden. Eben lese ich, dass die ZEIT nun auch bemerkt hat, dass wir ein Volk von Essgestörten sind. Das ist schön. Denn was zusehends zum Revolverblatt der politisch gefärbten Angstmache verkam, scheint nun doch für einmal wieder einen zwar langsamen, aber doch einigermassen reflektierten Journalisten gefunden zu haben. Eine Zeitung als blindes Huhn.

Was den Artikel ganz besonders toll macht: Morbus Google. Die offizielle medizinische Bezeichnung für selbstdiagnostizierende Hypochonder. In einem Artikel über Gluten-, Laktose- und sonstige Intoleranzen, die als Merkmal der Individualität zur Konstruktion einer differenzierenden Identität verwendet werden. Hatten wir das nicht schon mal? Richtig: 2009 war’s, in Psychosomatik für Fortgeschrittene. Vor vier Jahren. Was bedeutet, dass das Problem nun Ausmasse angenommen hat, die man vor vier Jahren vielleicht erahnen konnte, die nun aber so offensichtlich sind, dass der besagte Journalist der ZEIT Wind davon bekommt. Lieber spät als nie.

Wer ist schuld an der Ernährungsmisere? Die Werbung. Der «Konsument» als Opfer. Dem «die Werbung» glutenfreie Produkte aufdrängt. Und zwar so, dass er meinen muss, sie seien gut für ihn. Und was macht das aus dem Volk? Eine Herde willenloser, willfähriger Schafe, die komplett fremdbestimmt einem modernen Koyaanisqatsi erliegen. Ach je.

Irgendwie erinnert mich das an eine andere Diskussion, die kürzlich aufbrandete: ein findiger Internetpolizist fand plötzlich heraus, dass UGG Boots aus echtem Leder sind. Was bedeutet, dass dafür Schafe geschlachtet werden. Eine Welle der Empörung brandete durch den Sozialmedienraum. Hm. Wie zur Hölle kommt jemand, der Stiefel aus Leder trägt, auf den Gedanken, sie seien nicht aus Leder? Das ist doch ungefähr so, wie wenn plötzlich ein Skandal daraus gemacht würde, dass Milch von Kühen kommt. Und nicht etwa aus dem Tetra-Pak. Das wäre mal was. Vielleicht könnten sich die ganzen Leute dann darüber aufregen. Und würden darüber ganz vergessen, dass sie Laktose, Gluten & Co nicht zu vertragen glauben. Und vielleicht müsste man ihnen auch nur verraten, dass das Meiste, was sie essen, aus der Natur kommt. Das würde wohl schon reichen, dass sie komplett auf das Essen verzichten würden. Und drei Wochen später hätten wir dann ein Problem weniger in der Gesellschaft.

Atome für eine neue Welt.

Eine neuartige Uhr kann Atome wiegen. Das ist toll: damit könnte das Kilogramm neu definiert werden. Denn der Spiegel meint: Das Kilogramm sei die letzte Grundgrösse im internationalen System der Masseinheiten, die nicht über fundamentale Naturkonstanten definiert sei. Ja nun. Was ist denn mit dem Meter, dem Yard, dem Fuss? Fundamental? Nein, bestimmt nicht. Und was ist mit dem «1» vor dem Kilogramm? Generell akzeptiert, aber beileibe nicht fundamental, da axiomatisch. Wenn man also in Zukunft sagen können wird, dass «21.5 Quadrillionen Silizium-28-Atome ein Kilogramm» seien, dann beruft man sich auf enorm viele Konventionen, von denen man nach wie vor nicht so genau weiss, ob sie haltbar sind.

Nun, das Gute daran ist, dass die neue Uhr auf quantenphysischen Prinzipien aufbaut. Der Wissenschaft also, die sich damit befasst, dass Dinge Dinge tun, die mit dem System unserer Dinge nicht nachvollziehbar sind und deswegen versucht, diejenigen Dinge zu erforschen, die den Dingen wirklich zugrunde liegen. Damit wird die Tür zu einer neuen Weltsicht geöffnet. Und – ganz ehrlich – wenn man beobachtet, was auf der Welt so passiert, dann haben wir diese neue Weltsicht dringend nötig.

Die Menschlichkeit des Tötens.

Indien wirft Pakistan Unmenschlichkeit in der Tötung zweier indischer Soldaten in Kaschmir vor. Seit 60 Jahren ist die «indische Schweiz» Brennpunkt eines Konflikts beider Länder. Dieser entstand hauptsächlich dadurch, dass die englische Kolonialregierung eine künstliche Grenze zwischen Pakistan und Indien zog, mit der die beiden Länder nicht einverstanden waren. Und England zog sich danach aus der Affäre. Soweit ganz menschlich.

Der Vorwurf Indiens beruht auf der Tatsache, dass die beiden Soldaten verstümmelt und offensichtlich gefoltert wurden. Das ist unmenschlich. Dass sie getötet wurden, ist aber grundsätzlich in Ordnung. Doch es ist der Ton, der die Musik macht. Töten ist menschlich. Foltern nicht. Also, liebe Konfliktstaaten auf der Welt, bringt ruhig reihenweise Menschen um. Aber tut das bitte mit einem Lächeln und so, dass die Opfer nicht leiden. Dann habt ihr auch keine Repressalien zu befürchten.

Ruhigstellen gegen Demenz

Man sollte immer auf dem Laufenden bleiben, was die Erkenntnisse der Medizin angeht. Sonst wär’s unmöglich, im Laufe weniger Monate jeweils den Ernährungsplan komplett umzustellen, weil es fast im Wochentakt neue Erklärungen für das allgemeine Unwohlfühlen gibt. Dessen Grund ja in der Ernährung liegen muss. Denn die langen Haare zum Bubikopf zu schneiden, hinterlässt nur im ersten Moment ein gutes Gefühl. Danach ist alles wieder da. Blöd.

Beta-Blocker sind der letzte Schrei. Gegen Nervosität, gegen allgemeine Gefühlsausbrüche und – neuerdings – auch gegen Demenz, wie eine Studie weiss. Da hätten wir’s, gottseidank, wir können auch moderat Alkohol trinken und danach gleich Beta-Blocker einwerfen, und der hohe Blutdruck und das Demenzrisiko sind bereits im Griff: zwei Fliegen mit einer (Chemie)keule, und sogar ganz ohne Aspirin, dafür mit angenehmem Nebeneffekt. Denn wenn man die Blöckerchen auch nimmt, ohne Alkohol getrunken zu haben, dann wird man ganz toll ruhig, mag alles ein wenig mehr und stört sich an allem etwas weniger. Vielleicht ist dann auch Wahlkampf erträglich. Oder diese grauenhafte Gewissheit, dass es in der Schlange an der Kasse nebenan schneller vorwärts geht («Verdammt, warum IMMER ICH?», das bekannte und beliebte Opfersyndrom). Na, da sind wir ja grad nochmal davongekommen.

Rauchen gegen die Angst.

Das meint eine Studie, die in England durchgeführt wurde. Bemerkenswert. Die Studie besagt, bei der Angst handle es sich um diejenige, die auftritt, wenn der Raucher meint, er bekomme kein Nikotin. Lässt aber ausser acht, dass da noch ganz viele andere Ängste bestehen. Zum Beispiel die, sozial ständig ausgegrenzt zu werden. Oder die, plötzlich die Handtasche der werdenden Mutter um die Ohren gehauen zu kriegen, die zufällig in gebührendem Abstand vorbeiläuft und das Tun der Sucht missbilligend taxiert. All diese Ängste sind danach weg. Die Nichtraucher hingegen haben allerdings in der Folge immer noch mit ihren Phobien zu kämpfen: der Panik, vom Passivrauch angesteckt zu werden zum Beispiel, und dem immerwährenden Missionierungsdrang.

Rauchern, die aufgehört haben, geht es demnach vielleicht besser als Menschen, die gar nie angefangen haben. Das wäre der Umkehrschluss, zumindest was die Angst betrifft. Wer also im Leben keine Angst haben möchte, oder mindestens so wenig wie möglich, der rauche und höre dann auf. Und mache sich vielleicht grundsätzlich nicht so viele Sorgen. Ich bin sicher, auch Kohlenhydrate am Abend helfen gegen Angst. Und auch Käse und Teigwaren, wenn wir schon mal dabei sind. Einfach nicht so viel denken immer, dann klappt’s auch mit der Laune. Schön, so ein bisschen Polemik am Freitag.

Die Folge der Folgen

Sechzehn Folgen waren’s letztes Jahr, der selektiven Zusammenstellungen. Und damit soll auch Genüge getan sein. So viel Aufmerksamkeit, das Weltgeschehen könnte ja plötzlich denken, es interessiere. Nun, das wollen wir ja nicht. Dieses Jahr wird alles anders, sagt man. Wie jedes Jahr. Eigentlich dachte man, man müsse Ende 2012 das Jahr gar nicht mehr zusammenfassen. Aber Pustekuchen mit Weltuntergang. Na dann. Trotzdem: die Zusammenfassung der Zusammenfassungen schenk ich mir. Wünsche ein gelungenes 2013!