Knabenschiessen

September 21, 2008

Es werden wieder Knaben geschossen in Zürich. Ich bin zum ersten Mal hier auf dem Albisgüetli, habe keine Ahnung. Das Albisgüetli, der Name, klar ist der bekannt. Und konnotiert mit den Rechteren. Natürlich. Aber darüber habe ich gar nicht nachgedacht. Chilbi – und dabei fällt mir ein, dass es im Baseldeutschen gar keinen Begriff dafür gibt, wir kennen dergleichen Treiben in der Rheinstadt nur von der Herbstmesse, aber das ist nicht vergleichbar, weder semantisch noch konzeptionell – am Berg, steil ist es, das fällt auf, und jede Menge Menschen, Grillgeruch, Crêpes, Dürüm, Falafel. Unglaubliches Erfindertum, wenn es darum geht, “Du triffst und kriegst dafür einen hässlichen Preis” in alle möglichen Umsetzungsformen zu kleiden.

Und dann, oben auf dem Berg, das Ganze einigermassen überblickend, das Albisgüetli. Wir steuern auf der Suche nach einer Toilette in Richtung Eingang. Das Gebäude, altertümlich, wie ein Rittersaal aus alten Filmen mutend, so dass man darin eigentlich einen Thron und einen ganzen Ochsen am Spiess und darum ein wüstes Gelage mit Trinkhörnern und vulgäres Gegröhle erwartet, wird bewacht von einer modernen Variante der hellebardenkreuzenden Türwachen, zwei schwarzgekleidete Sicherheitsfachkräfte, die mich äusserst verdächtigend mustern, und da fällt mir ein: wegen des unerwarteten Temperatursturzes habe ich einen Pullover ausgeliehen, schwarz mit Kapuze und Toten-Hosen-Emblem, dazu einen Schal, der in den Achtziger Jahren noch Erkennungszeichen einer politischen Aussage war, mittlerweile zum Accessoire einer hippen Designergeneration verkommen ist, doch offensichtlich löst er noch immer gewisse Gefühle aus. Ich bin als Punk verkleidet, da hilft es auch nicht, dass vom Gürtel abwärts der Tag als Berater in der Bank noch zu erkennen wäre.

Im Inneren lange Tische, ein Rednerpodium, an welchem man vor dem inneren Auge gleich die SVP donnern sieht, neben Zunftsfahnen und hinter kleinen Gestecken, denen man Schärpen angezogen hat, die feierlich und ehrenhaft wirken wie Trauerkränze, für die Knaben vielleicht? Ich durchquere den Saal, fühle Blicke, die sich in meine Seite, meinen Rücken bohren, und die, welchen Meiner begegnet, werden gesenkt, als ob der direkte Augenkontakt mit mir bereits verunreinigend wirkte: ein Linker, offensichtlich. Ich bin froh, aus dem Güetli wieder austreten zu können, nachdem ich drinnen ausgetreten bin, und auch wenn es mich ein kleines Bisschen schaudert, dass ich einen Teil von mir dort gelassen habe, wenn auch nur Abfallprodukt und sogleich weggespült. Ein wenig voodooesk. Ich gebe es zu. Aber was bleibt mir anderes übrig: Knaben schiessen.

 

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Nationalfeiertag

September 4, 2008

Die Schweizerfahnen kriechen aus ihren Verstecken, werden aus der Truhe geholt, wo sie morgen wieder säuberlich gefaltet vesorgt werden. Man sieht es ihnen an: ein grobes Netz feiner Bügelmarken zieht sich rechtwinklig darüber, und sauber gewaschen sind sie, als würden sie einmal im Jahr, nach ihrem Einsatz in der Sommerbrise vom Staub des Nationalfeiertags befreit zurückgelegt, zwischen Mottenkugeln, um das Symbol nicht dem Zahn der Zeit auszusetzen, dem das Symbolisierte längst zum Opfer gefallen ist. Schweizersein als Tugend nur an diesem einen Tag, die eigene Behaftetheit, aus der gehüteten Versenkung befreit, mit stolzgeschwellter Brust an das rostige Geländer eines Jugendstilbalkons gehängt, unwirklich, konstruiert: die Nation bleibt Einbildung.


Neubeginn

September 2, 2008

Wie man sich verknüpft, vernetzt, verknotet wiederfindet im Schnittmuster des Bewusstseins, gewachsen und erwachsen aus tausend Leben, Maschengebilde zwischen Erfahrungen, hundert mal zerrissen und geflickt, Knoten, die ein Vielfaches der Verbindungen bilden, kaum sichtbar ist mehr jede Struktur, aufgeknüpft, verfangen, nach Luft schnappend weil wie beim Hai das Vorwärtsbewegen Atmung bedeutet und Stillstand Ersticken.

Und plötzlich, ganz einfach, das Aussprechen eines Willens, und das ganze Gebilde wird gesprengt mit lautlosem Urknall, dass es sich zerfasert, zerpflückt, zerfetzt schwerelos in die entstandene Leere breitet, jeder Faden gewesene verblassende Illusion, jeder Knoten ein Stern am Himmel der Erinnerung, Mahnmal, Stecknadel auf der Weltkarte des Bewusstseins.

Und in den unverhofften Raum, wie kleine elektrisierende Blitze, bildet sich filigran ein neues Netz, genährt und aufgebaut aus Erfahrungen, aus Beentheres und Donethats, weil man weiss was man nicht will und deshalb vielleicht weiss was man will, und das Neue ist klar und leicht und transparent und fragil noch, doch in jeder Sekunde wird es heller, vertrauter, deutlicher sichtbar, und aus den scheinbar ziellos sich verstrebenden Punkten ergibt sich, wie wenn man mit Linien Nummern in Kinderzeitschriften miteinander verbindet, langsam und immer mehr und immer realer ein neues Bild, ein neues Gesicht, strahlender und heller als alles Gewesene: ein neues Sein.


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