Nationalfeiertag

September 4, 2008

Die Schweizerfahnen kriechen aus ihren Verstecken, werden aus der Truhe geholt, wo sie morgen wieder säuberlich gefaltet vesorgt werden. Man sieht es ihnen an: ein grobes Netz feiner Bügelmarken zieht sich rechtwinklig darüber, und sauber gewaschen sind sie, als würden sie einmal im Jahr, nach ihrem Einsatz in der Sommerbrise vom Staub des Nationalfeiertags befreit zurückgelegt, zwischen Mottenkugeln, um das Symbol nicht dem Zahn der Zeit auszusetzen, dem das Symbolisierte längst zum Opfer gefallen ist. Schweizersein als Tugend nur an diesem einen Tag, die eigene Behaftetheit, aus der gehüteten Versenkung befreit, mit stolzgeschwellter Brust an das rostige Geländer eines Jugendstilbalkons gehängt, unwirklich, konstruiert: die Nation bleibt Einbildung.


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