Zeit

October 25, 2011

Die Zeit totschlagen
das bringt gar nichts
wenn die Zeit tot ist
dann steht sie still
und mit totschlagen
will man dass sie vorbeigeht

Wenn die Zeit ein Pferd wäre
könnte man sie immerhin peitschen
dann liefe sie vielleicht schneller
aber leider ist die Zeit nun mal kein Pferd
man kann nur ganz still sein

Damit die Zeit einen nicht bemerkt
und unverrichteter Dinge
an einem vorbeigeht
und vielleicht gelingt es einem
sie zu erschrecken aus dem Hinterhalt
dann läuft sie sogar davon.


Saint Steve: der Heiland der digitalen Neuzeit.

October 6, 2011

ER ist von uns gegangen. Und gleich quellen alle Social Media Plattformen über mit Statements von Jüngern. Die Testimonials in der BBC überschlagen sich gegenseitig. Das soll so sein, Steve Jobs ist eine der schillerndsten Figuren unserer Zeit. Ist. Weil eine Figur. Die bleibt.

Irgendwo in google+ wurde S.J. mit Leonardo da Vinci verglichen. Das finde ich dann doch etwas verfehlt. Steve Jobs hat die ganzen Gimmicks nicht erfunden. S.J. war ein Verkäufer. Einer mit dem ganz grossen Charisma und dem Nimbus des unerreichbaren, legendären, dafür hat er zu Lebzeiten auch immer gesorgt. Ein schwarzer Pulli und eine Jeans pro Tag. Immer dieselben. Immer fabrikneu. Weil er gewaschene Kleider nicht anziehen mochte. Sagt man. Und irgendwer wird das Gerücht genährt haben.

Ein paar ganz findige Kultkonzepte hat er sich aus dem Ärmel geschüttelt. Beispielsweise den Midnight Sale. Obschon er den nicht erfunden hat. Das waren angeblich die Damen und Herren von Carlsen anlässlich der Vermarktung von Harry Potter. Also nur geschickt erkannt und wiederverwertet.

Montiert hat er seine Geräte auch nicht. Das machen immer noch die Fronarbeiter von Foxconn, die sich dabei auch gleich reihenweise selbst umbringen, weil sie angeschrien und geschlagen werden. Aber shiny new iPhone hat sich dafür nie interessiert. Und shiny ol’ Steve offensichtlich auch nicht besonders.

Die Apple-Ideologie wurde zur Bibel. Der Mac zur Kirche. Cupertino zum Vatikan. Das iPhone zum sakralen Medium. Und Steve Jobs zu Jesus Christus. Denn wenn er eines geschafft hat, dann war es dies: die Gründung einer fast religiösen Bewegung. Die Erfindung der ideologischen Superdroge: nimmst du es einmal, willst du nie mehr ohne. Als Christus der digitalen Neuzeit wird er in die Geschichte eingehen. Und ob man nun Christus mag oder Apple oder nicht – den Platz hat er verdient. Denn mindestens Eines in seiner Lehre zeugt von der positiven Kraft: Lebe nie das Leben eines anderen. Mach was du willst, mach was du für richtig hältst, und mach es richtig. Nur, dass, wie bei den meisten Religionen, seine Jüngerinnen und Jünger das wieder einmal komplett falsch verstanden haben und sich mit der Individualität eines Massenprodukts identifizierten. Und sich dadurch abhoben, dass sie der Masse folgten. Aber, hey, das muss man bestimmt nicht Steve Jobs vorwerfen. Er hat immer bloss die Möglichkeiten ausgeschöpft.


Augenblick – für Dich

October 4, 2011

In diesen Augen, in diesem Wesen vereint sich alles, alles was immer da war, alles was immer kommen mag, alles was wartete, auf diesen Augenblick, auf dieser Augen Blick, hier und jetzt ist nur noch das Hier und Jetzt und darum herum verschwindet die Welt, wird ersetzt durch die Gesetze des Einsseins, es gibt mich nicht mehr, und es gibt dich nicht mehr, es gibt nur noch alles, alles ist, alles ist in diesem einen Moment, und alles ist Eins.

Irgendwo, ganz leise, mahnt der Kopf das Herz Vorsicht, doch das Rauschen der Energie ist betäubend undurchdringlich alleinnehmend und sowieso: Vorsicht vor der Vorsicht, den vor der Sicht sieht man viel weniger als während. Während-Sicht, Ein-Sicht zählt, Eins-Sicht, denn selbst die Nach-Sicht ist nur noch Abklatsch, Ablass, Vergangenheitsbewältigung. Die Supernova des Präsens, Verglühen und Raum schaffen für alles Neue, alles Erneuernde, ein immer wiederkehrendes Wiederkehren als Phönix, spontane Selbstentzündung zu zweit als ein Einzelnes, doch keine Asche bleibt zurück, nur das Undenkbare, Unvorstellbare, die Unendlichkeit des Seins, ohne Gedanken, ohne Nachdenken, schwindelerregend leicht. Und da wagt die Wissenschaft zu behaupten, der Mensch könne nicht fliegen.

 

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Die unerträgliche Borniertheit des Herrn S.

October 3, 2011

Herr Somm, ich mag nicht mit Ihnen über die sogenannten “Krawalle” diskutieren. Man kann darüber denken, was man will. Wo die Gründe liegen, die wirklichen, worauf die Probleme dieser Generation fussen, das würden Sie wohl nicht verstehen wollen. Denn Ihr Urteil ist gemacht, und davon lassen Sie sich vor dem Hintergrund Ihrer schwarzweissroten politischen Gesinnung auch nicht abbringen. Ganz getreu der Plakatkampagne Ihrer Zeitung: “Steigern Sie das Niveau Ihrer Vorurteile”. Schön wäre es, wenn Ihre Leser dazu animiert würden, Vorurteile abzubauen. Nicht, Ihre Vorurteile zu übernehmen. Aber das ist ein anderes Thema. Übrigens, ja, ich bin mir bewusst, dass Sie nur “SVP-nahe” sind. Ich erlaube mir trotzdem, die SVP als “Ihre” Partei zu bezeichnen. Das werden Sie verstehen.

Auffällig ist, welches Bild Sie in Ihrer Stellungnahme zeichnen. Es gibt keinen Krieg mehr in der Schweiz – wollen Sie wirklich einen Krieg, damit es der Jugend nicht mehr langweilig ist? Weil Sie ausserdem nicht in Dialog treten wollen, denken Sie auch, dass man heute bis 35 zuhause lebt. Herr Somm, das gilt vielleicht für Wähler Ihrer Partei. Aber ansonsten ist es lediglich ein Vorurteil. Und notabene keines auf hohem Niveau.

Wurden Sie in den 80ern enterbt? Wären Sie gerne enterbt worden? Würden Sie Ihre Kinder enterben? Und denken Sie wirklich, Widerstand würde den Widerstand aufheben? So einfach ist das, repressiv durchgreifen und das Problem ist gelöst? Wo leben Sie?

Herr Somm, es ist Wahlkampf, das ist mir bewusst. Und Sie betreiben Propaganda. Ganz im Stil Ihrer Partei (derjenigen, der Sie nur “nahe” sind). Seit Sie die Diktatur bei der BaZ angetreten haben, haben Sie schrittweise alle Freidenker entweder entlassen oder diese sind selbst gegangen. Jeden Tag erwarte ich, wenn ich die BaZ am Kiosk von weitem sehe, eine Titelseite mit der neusten Xenophobiekampagne in Cartoonstil. 14’000 Leser sind seit Ihrem Amtsantritt verloren gegangen. All dies entspricht wohl Ihrem grossen Plan.

Aber denken Sie nicht, dass diese Übernahme der Massenmedien und diese Neubespielung derselben mit hetzerischen und angstverbreitenden Vorurteilskampagnen in den Köpfen nicht mehr mit der durchaus wirksamen Propaganda im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs verbunden wird, dem Sie ja in Ihrem Artikel nachtrauern. Wenigstens nicht bei denen, die nicht mehr zu Ihren Schreibern und Lesern gehören, weil sie noch imstande sind, selbst zu denken. Wehret den Anfängen.


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