Wind

March 7, 2008

Ruhige See, kein Ufer zu sehen, kein Olivenzweig, das Wasser wie ein Spiegel, ohne Störung, ohne Rührung, die Flaute und das Warten, machtlos, ohnmächtig, zeittotschlagen und sich nicht rühren, die Vorräte, von denen man gezehrt hat, die Erinnerungen, die Vorstellungen, die Träume gehen langsam zur Neige und noch immer: kein Wind in Sicht.

Und dann plötzlich, ohne Vorwarnung, eine Brise, ganz leicht nur, wie ein Streicheln der Haut mit weniger als einer Feder, als man es nicht erwartet hat, und gleich: Aufregung an Bord, alles ruft durcheinander, helle Freude und die Angst, es könnte gleich wieder vorbei sein, Aberglaube, Erfahrungswert, Trugbild. Doch es geht was, es ist wieder Hoffnung und die Erkenntnis: es gibt noch Wind in der Welt.


Bestimmung

January 17, 2008

Das Ding mit der Bestimmung von Menschen füreinander: natürlich ist man bestimmt, schon nur deswegen, dass man passt. Dass der Geruch passt, die Kommunikation, der Humor, die Interessen, die Körper ineinander und aneinander. Manchmal passt nicht alles aber viel und manchmal passt alles aber irgendwie passt’s trotzdem nicht: weil man vielleicht vor so viel Übereinstimmung Angst hat, weil Bestimmung auch immer ein wenig deterministisch ist. Und trotzdem: genau diese Angst ist das Körnchen Sand im Getriebe des Determinismus, das Quäntchen Zufall, das die Regel eben nicht bestätigt sondern sie in der Redewendung eigentlichem Sinn über den Haufen wirft. Und dann sollte die Existenz der Angst selbst eigentlich ihr eigener Tod sein, weil sie die deterministische Seite der Bestimmung aufhebt. Leider denkt Angst nicht gerne nach. Und deshalb räumt sie sich selbst auch selten aus.

Noch etwas: Die Bestimmung ist ein Phasenraum. Es gibt unzählige Paarungen, die mehr oder eben weniger bestimmt sind. Nur tröstet das in dem Moment, in welchem sich der Bestimmung verwehrt wird, nicht über den Schmerz hinweg.


Stur lächeln und winken

December 18, 2007

Natürlich, früher gabs Probleme, wo es heute Herausforderungen gibt. Da stand man am Wasser und sah den Sturm, und vielleicht stürzte man sich auf der Suche nach der Erfahrung todesmutig in die Fluten und wurde später irgendwann ausgespült angespült irgendwo. Aber während man im Wasser war, waren da nur Wellenberge, wogende Schatten, Felsen aus kaltem Nass, und weder Ufer noch Grund noch Himmel noch Hoffnung waren zu sehen. Doch man war mittendrin und man hatte den Eindruck man spüre sich selbst, spüre den Abdruck, den man im Gefüge hinterliess.

Mittlerweile spürt man den Abdruck, den das Gefüge hinterlassen hat. Man steht vor dem Meer, und es ist einerlei, welches Wetter am Horizont aufzieht. Die glatte See und das Spiegeln der untergehenden Sonne als ach so güldenes Band vom Rand des Blickfelds bis zu den eigenen Füssen geniesst man. Aber wenns mal nicht so ist, dann ist der Unterschied höchstens eine Augenfälligkeit. Ob rauhe See oder Orkan spielt keine Rolle mehr, es ist alles wie schon einmal, und immer ist es gut gegangen. Es hilft nichts: man muss trotzdem da raus. Und immer noch treibt man steuerlos in Tälern und Gipfeln umher, immer noch vermischen sich vorne und hinten, oben und unten. Aber vor dem inneren Auge silbert der Streifen. Und die Gewissheit, dass alles irgendwann vorübergeht, ist wie ein rotweissgestreifter Glaube, auf dem man auch im tosendsten Gewühl den toten Mann spielen kann.


wer wir sind

October 11, 2007

wer wir sind, das wissen wir nicht. wir sind anders. jeder von uns. anders als die anderen. und auch anders als wir selbst waren, bevor wir uns fragten, wer wir sind. in jeder sekunde sind wir jemand anderes. in jedem aufeinandertreffen mit anderen sind wir anders. werden anders. werden die anderen. und deswegen sind wir wir.

wer wir sind, das zeigt sich immer dann, wenn wir uns treffen. uns mit anderen treffen. denn dann gibt es eine grenze. die sich ziehen lässt zwischen uns und den anderen. dem anderen. und dann wird uns wieder bewusst, dass wir anders sind. dass wir die anderen sind. und dass wir wissen, wer wir sind, wenn wir uns treffen.

wer wir sind, das können wir selbst nie herausfinden. wer wir sind, das machen andere für uns. und deshalb müssen wir mit anderen sein, unter anderen sein, unter anderem sein. denn wenn wir nicht mehr unter anderen sind, dann sind wir nicht mehr wir. und wenn wir nicht mehr wir sind, dann sind wir nicht mehr.

wer wir sind, ist eine frage mehr, wenn man sich sie stellt. und wenn man darüber nachdenkt, dann ist es nicht eine frage mehr, dann ist es keine frage mehr. dann ist wer wir sind eine frage weniger. weil eine frage nur so lange eine frage ist, wie es eine antwort darauf gibt, auch wenn wir die nicht wissen. wenn wir sehen können, dass es keine antwort gibt, dann ist wer wir sind nur noch eine spielerei.

wer wir sind, damit können wir spielen. wir können es drehen und es wenden und von jeder seite sieht es vielleicht anders aus. vielleicht sieht es aber von jeder seite auch gleich aus. das wissen wir nicht. aber das spielt keine rolle, denn ein spiel ist ein spiel und im spiel geht es um das spielen und nicht um das gewinnen. und schon gar um nicht die einsicht.

wer wir sind, das wäre aus einer einsicht auch gar nicht sichtbar. so sehr wir in uns hineinsehen, so wenig werden wir wissen wer wir sind. nur wenn wir zum anderen werden, wenn aus der einsicht eine aussicht wird, dann wird die eins-sicht uns sagen, dass wir alle eins und vielleicht anders, aber alle gleich sind.


Abseits

September 9, 2007

Festival der Kulturen, Karneval der Kulturen, Respektakel, wie sie auch alle heissen… Zusammenkünfte der immer gleichen anderen Stände, Gerüche, Farben, Klänge. Curry, Mah-Mee, Kufta, Tropical Kitchen, Hummus und irgendwo steht auch ein verlassener Wurststand. Überall Musik, Stehaufkünstler, Stelzenläufer, Jongleure, ein buntes Durcheinander aus Talenten, Identitäten, Darstellern, Selbstdarstellern, eine Reizüberflutung der angenehmen Sorte.

Daneben irgendwo, an einer grauen Steinmauer, das neueste Plakat der SVP. Und dann will man sich gar nicht mehr wundern, warum auf diesen Festivals die Schweizer Kultur keinen Stand hat.


Boring Days

August 28, 2007

Die Welt da draussen, ausserhalb unseres Ichs, einfach mal Welt sein lassen können, sich in den eigenen Hirnwindungen bewegen, umherirren im Geist, ohne Sinn und ohne Zweck und viel wichtiger: ohne Ziel. Denn mit der Ziellosigkeit kommt das Vergessen, nicht nur der Welt, an der wir uns für einen Moment nicht mehr beteiligen müssen, sondern auch der kleinen Dinge: man gewöhnt sich daran und beginnt die Fernbedienung als erstes im Kühlschrank zu suchen, wenn sie nicht mehr auffindbar ist. Oder man gibt sich mit einem leichten Achselzucken und einem Grinsen auf den Stockzähnen damit zufrieden, dass sie im nächsten Moment wieder direkt vor den Augen liegen wird. Und man hört auf, sich zu fragen, wie solche Dinge geschehen, indem man sie einfach nur als gegeben annimmt und damit umzugehen lernt.

Irgendwann stellt sich das Lachen ein: das Lachen über sich selbst, der fröhliche Spott angesichts der eigenen Beschränktheit. Und das liebevolle Lächeln über die Welt, die genauso ein Teil des eigenen Selbst ist wie das eigene Selbst ein Teil der Welt ist, untrennbar, unabgrenzbar, und genausowenig ganz ernst zu nehmen. Freue Dich auf die langweiligen Tage, wenn alles seinen Gang geht und tingueliyesk ineinander greift, mechanisch, automatisch und ebenfalls: ohne Sinn und ohne erkennbaren Zweck. Das Glück des Lebens liegt auch im Loslassen der erzwungenen Zielgerichtetheit.


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