Entschuldigung

February 25, 2009

Ablass unserer Gesellschaft, egoistischer Freispruch in Zeiten schlechten Gewissens, ein Sorry genügt und alles ist gut, zumindest für den Canossagänger, denn dem Beentschuldigten bringt das Ganze nicht viel, einzig das Wissen darum, dass der Bittsteller sich bewusst ist, dass seine Taten nicht gerecht und weil mit Nachspiel behaftet auch nicht fertig sind.

Schuld und Unschuld, Begriffe zur Ordnung des Zusammenlebens von Menschen, Konzepte zur Selbstentlastung, denn Schuld bringt nur den Vorteil, dass man sie Anderen zuweisen kann und sich dadurch Freiheit erkauft, nicht Unschuld, sondern Verantwortungslosigkeit. Sich entschuldigen hiesse eigentlich: sich vom Schuld-Unschuld-Schema lösen können.

Lernen aus Vergangenem. Sich nicht in der Erinnerung suhlend zermürben. Denn im Gestern liegt Stillstand. Und auch nicht vergessen und blind weitergehen, weil man gezahlt hat. Alles, was geschieht, bestimmt mit, was geschehen wird. Teile davon zu verdrängen hiesse sich selbst verleugnen.

 

>> Mehr Lesen


Wahrnehmung

May 6, 2008

Zum einen nicht das, was wirklich existiert, sondern das, was Du als wahr empfindest. Dabei gibt es nicht einmal das Unwahre: wäre es nicht wahr genommen, würde es für Dich nicht existieren.

Zum anderen ein aktiver Prozess: nehmen. Es wird nicht an Dich herangetragen, Du nimmst es Dir. Also ein mehr oder weniger, je nach Mensch, bewusster Entscheid und eine Handlung.

Was folgt daraus? Ein alter Hut. Du entscheidest, was Du siehst. Und was Du siehst ist wahr. Also: nicht alles für bare Münze nehmen, sondern endlich anfangen, die Welt zu verändern.

Wenn Du es sehen willst, dann wirst Du es sehen. Und sobald Du es wahr nimmst, beginnt es zu existieren. Das Gute wie das Schlechte, und auch: “Gut” und “Schlecht”. Es ist alles in Deinem Kopf.


wer wir sind

October 11, 2007

wer wir sind, das wissen wir nicht. wir sind anders. jeder von uns. anders als die anderen. und auch anders als wir selbst waren, bevor wir uns fragten, wer wir sind. in jeder sekunde sind wir jemand anderes. in jedem aufeinandertreffen mit anderen sind wir anders. werden anders. werden die anderen. und deswegen sind wir wir.

wer wir sind, das zeigt sich immer dann, wenn wir uns treffen. uns mit anderen treffen. denn dann gibt es eine grenze. die sich ziehen lässt zwischen uns und den anderen. dem anderen. und dann wird uns wieder bewusst, dass wir anders sind. dass wir die anderen sind. und dass wir wissen, wer wir sind, wenn wir uns treffen.

wer wir sind, das können wir selbst nie herausfinden. wer wir sind, das machen andere für uns. und deshalb müssen wir mit anderen sein, unter anderen sein, unter anderem sein. denn wenn wir nicht mehr unter anderen sind, dann sind wir nicht mehr wir. und wenn wir nicht mehr wir sind, dann sind wir nicht mehr.

wer wir sind, ist eine frage mehr, wenn man sich sie stellt. und wenn man darüber nachdenkt, dann ist es nicht eine frage mehr, dann ist es keine frage mehr. dann ist wer wir sind eine frage weniger. weil eine frage nur so lange eine frage ist, wie es eine antwort darauf gibt, auch wenn wir die nicht wissen. wenn wir sehen können, dass es keine antwort gibt, dann ist wer wir sind nur noch eine spielerei.

wer wir sind, damit können wir spielen. wir können es drehen und es wenden und von jeder seite sieht es vielleicht anders aus. vielleicht sieht es aber von jeder seite auch gleich aus. das wissen wir nicht. aber das spielt keine rolle, denn ein spiel ist ein spiel und im spiel geht es um das spielen und nicht um das gewinnen. und schon gar um nicht die einsicht.

wer wir sind, das wäre aus einer einsicht auch gar nicht sichtbar. so sehr wir in uns hineinsehen, so wenig werden wir wissen wer wir sind. nur wenn wir zum anderen werden, wenn aus der einsicht eine aussicht wird, dann wird die eins-sicht uns sagen, dass wir alle eins und vielleicht anders, aber alle gleich sind.


Liebende

September 20, 2007

und ganz langsam löst er sich aus seinem körper und schwebt hinauf
in die decke des zimmers hinein die nicht mehr da ist durch sie hindurch
durch das dach, hinauf der dicken grauen wolkendecke entgegen
immer weiter hinauf
und er fühlt in sich die liebe dieser welt
erfüllt
warm
umarmend
er breitet seine arme aus und in der wolkendecke öffnet sich ein loch
dahinter die sonne schickt einen strahl direkt in sein gesicht
seine augen werden leuchtendes feuer
immer höher immer schneller weichen die wolken ihm aus
bis keine einzige mehr da ist
und die liebe der welt strömt aus ihm heraus und wärmt die erde
die sonne kommt näher immer näher
und dann verschmilzt er mit ihr

zwei liebende sehen sich tief in die augen und sehen eine ganze welt.


September 9, 2007

In die Seele tauchen
die glitzernde Nacht
mit der Hand greifen
ins Herz tragen
und da behalten
für die Zeit
wo zuhause
wieder schmerzt


Abseits

September 9, 2007

Festival der Kulturen, Karneval der Kulturen, Respektakel, wie sie auch alle heissen… Zusammenkünfte der immer gleichen anderen Stände, Gerüche, Farben, Klänge. Curry, Mah-Mee, Kufta, Tropical Kitchen, Hummus und irgendwo steht auch ein verlassener Wurststand. Überall Musik, Stehaufkünstler, Stelzenläufer, Jongleure, ein buntes Durcheinander aus Talenten, Identitäten, Darstellern, Selbstdarstellern, eine Reizüberflutung der angenehmen Sorte.

Daneben irgendwo, an einer grauen Steinmauer, das neueste Plakat der SVP. Und dann will man sich gar nicht mehr wundern, warum auf diesen Festivals die Schweizer Kultur keinen Stand hat.


Schaffen

September 5, 2007

Der Prozess des Schreibens: Wie ein Nebel dringt die Idee durch jede Ritze, durch jeden noch so kleinen Zwischenraum, drängt sich in die Gedanken, bis sie nicht zu verdrängen ist und der einzige Weg mit ihr umzugehen, die einzige Methode, sie loszuwerden, ist, sie aufzuschreiben. Und so versucht man den Nebel einzukreisen, einzugrenzen, fassbar zu machen, mit jeder Annäherung droht er zu entgleiten, jeder Schreibfehler, den man in der Eile macht, ist eine Gefahr, jede Verzögerung kann zum totalen Verlust des Kartenhauses aus Gedanken führen.

Und dann verdichtet sich der Nebel irgendwann, langsam, mit jedem Wort nimmt eine Gestalt ihre Form an, doch auch jetzt: jeder weitere Buchstabe kann die Grenzen wieder verwischen, kann das Ganze in sich zusammenstürzen lassen. Und am Ende steht plötzlich die Idee da, verschriftlicht, verbildlicht, zerschriftet: denn einmal zu Papier gebracht ist die Idee nicht mehr da, entlassen, weggeschrieben, gefangen, kontrolliert. Der Schriftsteller muss schreiben: um loszuwerden, was ihn sonst auffressen würde.


Zeit/T/Raum

September 2, 2007

Wie ein Reisender zwischen Raum und Zeit, wartend in Räumen ohne Eigenheit, ohne Eigenschaft, ohne Gesicht, zu weit und gleichzeitig so dicht dran ist das ewige Ziel Deiner Reise, das Du einsam teilst mit den vielen die gleich sind, mit allen anderen die genau gleich wie Du etwas anders sind: die Freiheit.

Sie hält Dich fest zwischen Traum und Wirklichkeit, denn von da aus ist es nicht wirklich weit in die Gefangenschaft aus der kein Weg mehr hinausführt, Ketten und Gitter woraus kein Retter noch Ritter noch Krieger nur Du selbst Dich retten kannst.

Und wie ein Freier buhlst Du um die Gunst der Erfahrung, wie ein freier Mann bist Du süchtig nach Nahrung, suhlst Du Dich in der warmen Umarmung, die Dich reinzieht so ganz ohne Ahnung und Warnung, und das Wissen darum ist wie ein Blick zurück in eine ferne, eine flüchtige Erinnerung.

Während der Raum ohne Zeit an Dir vorübergleitet weitet er sich je weiter Du gehst und Du schreitest aus einer Welt hinaus in eine andere Welt hinein: in eine Welt hinaus um nur Dich selber zu sein, um Deiner Zeit voraus zu sein, wenn sie davonrennt, um sie nicht totzuschlagen, wenn sie vorbeigehen soll: den Raum mit der Zeit füllen. Und der Zeit Raum geben.


Fels in der Brandung

August 15, 2007

Grenzstein, Mittler, Mittel zwischen Festem und Flüssigem, Macht und Ohnmacht, Beherrschung und Verlorenheit. Von der einen Seite reizvoller Blick in schäumende Abgründe voll Gischt und Chaos, Wachturm und Bastion vor dem Ungesehenen, Geahnten, Gefürchteten. Auf ihm steht der Schaulustige, der Gaffer, der, durch die vorgestellte Gefahr angelockt, nach dem Ungeordneten, dem Heillosen trachtet, nach dem Ausweg, wenn auch nur erdacht, aus seiner öden Existenz. Von der anderen Seite ein Versprechen, eine Hoffnung, rettungverheissend und tödliches Urteil zugleich, ewig anziehend wie das Licht für die Motte, und doch verbrennt sie daran nur ihre Flügel und wir zerschmettern unsere Glieder, oder erreichen den Fels und klammern uns fest, unfähig, uns zu bewegen, weder vor noch zurück, und dennoch können wir nicht mehr loslassen: eine Falle in sich selbst.


Liebeserklärung

August 15, 2007

Basel ist keine grosse Stadt. Lebt man hier einige Jahre oder Jahrzehnte, dann kennt man jede Ecke, jeden Ort auswendig, man kann sich im Geist durch die Strassen bewegen und sieht dann sogar die Leute, die gerade in dem Moment wahrscheinlich dort sind. Man kennt die Menschen, man trifft sie da und dort, überall, jederzeit, eine Gemeinschaft von Bekannten, Bekanntem und Gekanntem, und doch, gerade wenn man denkt, man kenne jeden und jede und jedes, tritt wieder ein Wesen auf einen zu, entdeckt man wieder einen Platz, bei dem man sich fragen muss: Weshalb habe ich nie etwas von Dir gewusst?


Follow

Get every new post delivered to your Inbox.