Was war im Januar? – Eine höchst selektive Zusammenstellung von Ereignissen der Welt.

January 27, 2012

Tja, was war? Sturm Andrea war. Und so schlimm war die gar nicht. Nicht, dass der Name besagen sollte, dass der Sturm besonders schlimm sei. Übrigens heissen die auch gar nicht alle wie Frauen. Tatsächlich liefen verschiedene Frauenverbände 1998 Sturm und erreichten in ihrer Höchstgeschwindigkeit, dass fortan alle Jahre zwischen Männern und Frauen gewechselt wurde. Deswegen gibt’s jetzt auch Lothare. Und Joachims.

Ein Sturm geht auch durch das Internet. Kim Dotcom erhält für’s Onlinestellen von Filmen eine höhere Strafe als Mörder und Vergewaltiger. Die Musik von Michael Jackson gratis zur Verfügung zu stellen ist offensichtlich ein viel schwerwiegenderes Verbrechen als denselben umzubringen. Derweil kommt man gegen Vorweisen eines iPads über die Grenze, während aber beispielsweise der alte Schweizer Pass schon längst nicht mehr genügt. Und der Hersteller dieser neuen Identifizierungsmöglichkeit hat tatsächlich eine Untersuchung durchgeführt, die zum Ergebnis kommt, dass das, was die ganze Welt schon lang wusste, tatsächlich wahr ist: menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in fast allen Betrieben, die Apple beliefern. Konsequenzen? Och, nee, lass mal. Aber ja, wir arbeiten daran. Wir haben’s doch erst grad rausgefunden.

Und derweil zieht uns Google mit neuer Privacy Policy den letzten Rest Selbstbestimmung aus der Tasche. Was allerdings auch Vorteile haben kann: wenn man sich nicht ganz genau aussucht, welche Freunde man auf Google+ hat, wird man demnächst in der Suchmaschine nur noch mit total herzigen Bildern von Katzen und Hunden beliefert. Eigentlich kann man künftig bei Google nur noch anständige Suchresultate erhalten, wenn man eben nicht bei Google+ ist. Way to go. Doch das ist auch nicht alles: Google ist nun nicht mehr nur Informationsverteiler, sondern beginnt sie nun auch selbst zu erschaffen, in der neuen Google Education. Wir werden also demnächst vielleicht von Kind auf getrimmt, dafür zu sorgen, dass die Einkünfte aus Internetwerbung nun dauerhaft höher als die aus der Printwerbung bleiben. Und dass die neuste Modekrankheit, Internet Addiction Disorder ihren Nährboden nie verliert. Ich frage mich, wann die erste IV an manisch Internetsurfende ausbezahlt wird.

Die ganze Welt ist gelähmt und zugespamt aufgrund von nicht einmal zwei Dutzend Opfern einer Kreuzfahrtskatastrophe. Entschuldigt die vermeintliche Pietätslosigkeit. Aber dieselbe Welt hat darob nicht einmal mehr die Zeit, sich zu überlegen, was eigentlich vor der Küste Neuseelands geschieht. Das Containerschiff ist auseinandergebrochen und die riesigen Mengen Öl verwüsten weiterhin das Meer. Aber das wollen wir gar nicht so richtig wissen. Genauso wenig wie den Hungertod einer weiteren Million Kinder im Januar. Die von ganzen zehn Konzernen wie Monsanto, Cargill, Bunge, Syngenta, Dreyfus und Pioneer verschuldet werden, weil diese die Lebensmittelproduktion der Welt kartellisieren. Doch das reicht nicht für eine Schlagzeile. Warum auch. Die Kohle stimmt ja.

Und sonst? Eine Studie zeigt, dass Hochhausbau direkt proportional zu einer anstehenden Krise verläuft. Das war beim Empire State Building so, das scheint in China so zu sein. Beruhigend, dass beispielsweise in Basel gerade drei Türme in Planung sind. Und um wieder ein bisschen von der Krise abzulenken muss ein Hildebrand über die Klinge springen. Dabei ist viel bemerkenswerter, wie leicht man Währungs- und Aktienkurse beeinflussen kann, als dass jemand damit Geld verdient. Aber eben, das ist alles eine Sache des Blickwinkels. Und um eine andere belanglose Affäre wieder aufleben zu lassen, hat man jetzt auch herausgefunden, dass der Vatikan in gut Guttenbergscher Manier die Biografien seiner Kardinäle von Wikipedia kopiert und veröffentlicht. Wen interessiert denn das bitte. Um es in Hagen Rethers Worten zu sagen: Die kriegen alles raus.

Und ganz nebenbei plant die USA einen neuen Krieg. Und kürzt das Militärbudget, bekräftigt aber im selben Moment, dass ebendieses Budget weiterhin wächst. Zur Folge hat die Kürzung, dass die USA nur noch jeweils einen Krieg führen kann. Und das ist unter Anderem deswegen möglich, weil sich mehr andere Länder an den Kriegen der USA beteiligen. Also retten multinationale Kriege die Kriegskasse der USA. Well played!

Hach ich freu mich auf den Februar. Die Welt ist doch ein wunderbares Schmierentheater.


Saint Steve: der Heiland der digitalen Neuzeit.

October 6, 2011

ER ist von uns gegangen. Und gleich quellen alle Social Media Plattformen über mit Statements von Jüngern. Die Testimonials in der BBC überschlagen sich gegenseitig. Das soll so sein, Steve Jobs ist eine der schillerndsten Figuren unserer Zeit. Ist. Weil eine Figur. Die bleibt.

Irgendwo in google+ wurde S.J. mit Leonardo da Vinci verglichen. Das finde ich dann doch etwas verfehlt. Steve Jobs hat die ganzen Gimmicks nicht erfunden. S.J. war ein Verkäufer. Einer mit dem ganz grossen Charisma und dem Nimbus des unerreichbaren, legendären, dafür hat er zu Lebzeiten auch immer gesorgt. Ein schwarzer Pulli und eine Jeans pro Tag. Immer dieselben. Immer fabrikneu. Weil er gewaschene Kleider nicht anziehen mochte. Sagt man. Und irgendwer wird das Gerücht genährt haben.

Ein paar ganz findige Kultkonzepte hat er sich aus dem Ärmel geschüttelt. Beispielsweise den Midnight Sale. Obschon er den nicht erfunden hat. Das waren angeblich die Damen und Herren von Carlsen anlässlich der Vermarktung von Harry Potter. Also nur geschickt erkannt und wiederverwertet.

Montiert hat er seine Geräte auch nicht. Das machen immer noch die Fronarbeiter von Foxconn, die sich dabei auch gleich reihenweise selbst umbringen, weil sie angeschrien und geschlagen werden. Aber shiny new iPhone hat sich dafür nie interessiert. Und shiny ol’ Steve offensichtlich auch nicht besonders.

Die Apple-Ideologie wurde zur Bibel. Der Mac zur Kirche. Cupertino zum Vatikan. Das iPhone zum sakralen Medium. Und Steve Jobs zu Jesus Christus. Denn wenn er eines geschafft hat, dann war es dies: die Gründung einer fast religiösen Bewegung. Die Erfindung der ideologischen Superdroge: nimmst du es einmal, willst du nie mehr ohne. Als Christus der digitalen Neuzeit wird er in die Geschichte eingehen. Und ob man nun Christus mag oder Apple oder nicht – den Platz hat er verdient. Denn mindestens Eines in seiner Lehre zeugt von der positiven Kraft: Lebe nie das Leben eines anderen. Mach was du willst, mach was du für richtig hältst, und mach es richtig. Nur, dass, wie bei den meisten Religionen, seine Jüngerinnen und Jünger das wieder einmal komplett falsch verstanden haben und sich mit der Individualität eines Massenprodukts identifizierten. Und sich dadurch abhoben, dass sie der Masse folgten. Aber, hey, das muss man bestimmt nicht Steve Jobs vorwerfen. Er hat immer bloss die Möglichkeiten ausgeschöpft.


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