1.11.2008: Zürich – Cancun
Michi:
Fliegen wird nicht einfacher. In Zürich, mit Kater, den Flug nach Frankfurt bestiegen, sofort eingeschlafen, erwacht und in den europäischen Superhub ausgespuckt. Viel zu lange Aufenthalt, trotzdem mal hin zum Gate um zu gucken wo das ist. Eine Viertelstunde zu Fuss. Und langsam kickte das Kopfweh ein. Durch ewige riesige verlassene Hallen, nur um herauszufinden, dass die einzige Verpflegungsmöglichkeit dort war, wo ich hergekommen war. Also zurück, und um zu etwas Trinkbarem zu kommen, musste ich erst mal durch die Security. Egal, geschafft, und dann eine halbe Stunde später wieder zurück zum Gate, wieder wandern.
Der Flug mit US Airways, gelinde gesagt, eine Katastrophe. Die amerikanische Flugbegleiterin war die Unfreundlichkeit in Person. Verspätung bei der Ankunft, kein Gate frei, die Zeit schwand, ich rechnete mit dem Verpassen des Anschlussflugs nach Cancun. Also zehn Minuten rennen bis zur Schlange der Immigration. Ein fetter Redneck sass da, der am Zoll den einzigen in seiner Möglichkeit stehenden Posten gefunden hatte, auf perverse Weise Macht auszuüben: indem er warten liess. Durch die Immigration, eine Viertelstunde vor Abflug. Weiter rennen, und auf wundersame Weise reichte es.
Ankunft in Cancun, eine ewige Schlange vor dem Zoll, als ich endlich vorne war, schaute mich die Beamte schief an und sagte, Mann, geh zurück, du hast alles falsch angekreuzt. Tatsächlich: gemäss eigener Angaben war ich ein Terrorist, wollte morden, brachte scharfe Waffen mit, pflanzliches und sonst gefährliches Gut und hatte mehr als 10000$ in der Tasche. Der Unterschied zu den USA: während ich dort wohl ohne Nachfragen eingelocht worden wäre, lachte man mich hier aus und bedeutete mir, alles nochmal auszufüllen. Nach achtzehn Stunden Reise war ich ganz offensichtlich nicht mehr zurechnungsfähig.
Raus aus dem Flughafen, wo Sebastian mich erwartete, ebenso wie der Mann von der Autovermietung, der uns in die Oficina brachte. Ein Bier für jeden, ein paar Spässe, ein Auto, und los gings. Hinein nach Cancun, da es schon später Abend war und gleich losreisen nicht zur Debatte stand. Sebastian hatte inzwischen ein Hostal rausgesucht, das wir per Auto suchten und nicht fanden. Ungefähr zehn U-Turns später gaben wir auf und beschlossen, ins erstbeste Hotel zu gehen. Wir hielten an, stiegen aus und betraten den Empfangsraum einer eher schäbigen Absteige. Die Dame am Eingang war sehr erfreut, bemerkte, dass sie uns hier noch nie gesehen habe. Die Zimmerpreise und die Zahl der Damen in den Gängen liess uns eher rasch umdrehen, wieder ins Auto, wieder los.
Schlussendlich endeten wir in einem schönen kleinen Hostal, sehr unkompliziert, sehr freundlich. Totmüde warfen wir uns ins Nachtleben, Dia de los Muertos, in eine Tacobar, sehr lecker, und ein Kübel mit Eis und Bier auf dem Tisch. Irgendwann gegen ein Uhr nachts fielen wir in die Betten.
Sebas:
Reisen ist der pure Stress. Man sollte denken, dass mit der Entwicklung des Flugwesens das Reisen unkomplizierter, schneller, mehr Service und vor allem freundlicher sein sollte. Aber nein, das genaue Gegenteil ist der Fall – Reisen via Transit USA ist ein Alptraum ohne Ende. Schon am Flughafen Zürich wollte die “freundlichen” Damen der amerikanischen Fluggesellschaft wissen, warum ich über Zürich nach Cancun über die USA reise, obwohl ich doch in Oslo wohne; das ist doch etwas kompliziert meinte sie nur. Ich wollte mich nicht auf eine Diskussion einlassen und nickte nur zustimmend – kompliziert ist es immer, wenn es nicht anders geht. Es gibt halt keine günstigen Flüge von Oslo direkt nach Mexico. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob dieses Argument sie überzeugte, sie liess mich nach einiger Zeit zur Abfertigung.
In Atlanta angekommen, hiess es warten, Fast Food essen, Amerikanern zuschauen und staunen über die “Un-kultur” des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein Volk, ein Fernseher, welches über Dauerbeschallung durch Werbung, Sport und Wahlkampf kontrolliert wird. Home of the very very brave…if you want to get out of it.
Beim Landeanflug auf Cancun konnte ich vergessen: das ist Mexico, alles ist anders und alles wird gut. Nach dem obligatorischen Papierkram beim Zoll und dem Drücken des roten Knopfes am Ausgang, welcher, wenn er rot leuchtet, eine sofortige Gepäckdurchsuchung mit sich führt, hatte ich es geschaft; 20 h Reise waren geschafft.
Karibische Temperaturen und mexikanisches Bier, serviert mit Zitrone und Salz, halfen mich zu akklimatisieren. An der Bar vorm Flughafen traf ich Johnny, tätowierter Exsoldat aus Kanada, welcher ebenfalls auf seinen Kumpel wartete. Er komme nach Mexiko um zu tauchen, liebe die Frauen und würde gerne mehr Spanisch sprechen – sehr symphatisch der Mann.
Michi kam, sah mich und wir fluchten gemeinsam über das System Transit. Das Auto war schnell geholt, die Papiere ausgefüllt und ab ging es nach Cancun. Auf dem Weg dahin mussten wir noch tanken, was sich als sehr kompliziert herausstellte, das Tankatze vergessen hatte alle Kartenlesegeräte aufzuladen. So musste also wieder Bargeld ran.
Nach ca. 30 km Fahrt kamen wir nach Cancun und suchten unser Hostal, The Weary Travellers, gelegen in der Avendia Palmera. Natürlich fanden wir es nicht…dafür parkten wir nach einiger Zeit vor einem Hotel, welches vermeintlichen Charme hatte. Schnellen sicheren Schrittes gingen wir in das Foyer, begrüssten, passierten eine rauchenden sitzende Dame, sahen die Preise und das wartende Klientel und verstanden: Ein Haus der Liebe hergerichtet für die Festlichkeiten zum Dias de los muertos, dem nationalen Feiertag in Mexiko. Beim Rausgehen fragte uns die sitzenden Dame, ob wir hier zum ersten Mal seien, aber wir lachten nur und suchten weiter.
2.11.2008 Cancun – Merida
Michi:
Frühmorgens wachten wir auf, fanden mit untrüglicher Sicherheit den Mercado und setzten uns in die rauchige, von Fisch und Gebratenem gesättigte Luft der Imbissmeile und frühstückten erstmal. Dann noch einige Besorgungen, und los gings, on the road. Bis Chichen-Itza, wo wir leider nicht vor Mittag ankamen: es wimmelte bereits von Touristen, in grösseren und kleineren Gruppen, immer mit einem Führer. Beeindruckend die Grösse und Erhabenheit der Pyramiden, nervtötend die Schafherden von fotografierenden Pauschalreisenden.
Weiter auf die Cuota, die kostenpflichtige Autobahn, wo wir völlig einsam mit anständigem Tempo vorankamen. Ich durfte den Chevy Meriva ein bisschen kitzeln, mehr als 170 km/h gibt er allerdings nicht her. Einfahrt in Merida, wo wir lange nach dem ausgewählten Hotel suchten. Schlussendlich war es da und gut, endlich duschen, und los in die Stadt. Dia de los Muertos, immer noch, und auf der Plaza de Armas ein riesiges Fest, die ganze Stadt auf den Beinen, Musik, Künstler, wir assen sehr lecker und gaben uns den Tanz der Merida AllStars. Danach fanden wir ein Pub, wo wir zu Pink Floyd und Scorpions ein paar Pitcher tranken, ein sehr schöner Abend, und es fühlt sich an, als sei man schon ewig hier, obschon dies der erste ganze Tag ist.
Ich liebe Mexico jetzt schon. Die Leute sind einfach der Hammer, so unglaublich freundlich, im Supermarkt flirtet die siebzigjährige Filialleiterin mit mir, jeder, den man nach einer Auskunft fragt, nimmt sich Ziet, quatscht ein bisschen, macht sich alle Mühe, und verwechselt konstant links und rechts. Rinks und Lechts – das liegt in Mexico irgendwie näher beieinander als anderswo.
3.11.2008 Merida – Champoton
Michi:
Ich erwachte um 6, wälzte mich ein bisschen und stand dann um halb sieben auf, setzte mich in die Morgensonne im Innenhof des Hostals und erkundigte mich nach dem Frühstück. Es sei bereits da, in der Küche zum Selberbedienen. Ich schaute nach: eine Plastikbox mit seltsam aussehenden Brotscheiben, daneben ein Toaster, ein Schälchen voll gelber Butter und Marmelade. Wie gut kenne ich das von früher. Und schon damals weigerte ich mich, solches Frühstück zu essen. Eine Tasse Kaffee nahm ich – braunes kaltes Wasser, das man in der Mikrowelle erwärmte. Naja. Auf Sebastian warten und dann richtig frühstücken gehen.
Auf der Plaza de Armas assen wir ein paar Huevos Mexicanos und machten dann einige Einkäufe, zurück ins Hostal, packen und los, ziemlich zeitig diesmal. In der Stadt war die Hölle los, der Feiertag vorbei, und der ganz normale tägliche Wahnsinn auf den Strassen. Eine nette Herausforderung.
Back on the road, in Richtung Süden mit Ziel Campeche. Wir kamen gut voran, als wir ankamen, mussten wir allerdings feststellen, dass Campeche weit weg von Charme ist, eine Zeile hässlicher Neubauten entlang des strandlosen Meeres. Weiterfahren war der Beschluss, dennoch mussten wir schnell was essen. Teuer wars, und nicht sonderlich gut, und schlussendlich mussten wir den Kellner überzeugen, dass wir es als nicht wirklich richtig erachteten, einen Fünftel des Gesamtpreises als Trinkgeld auf die Rechnung zu setzen.
Also weiter, entlang der Küste, ich hatte das Steuer wieder übernommen, während Sebastian den Rest des Tages gefahren war. Ich entdeckte einen wunderschönen Driving Heaven, durch hügeliges Gelände, kurvige Strassen, zur Linken und Rechten Urwald, einfach traumhaft. Dann wieder Meer, und nun sah die Angelegenheit anders aus: karibische Farben und Sandstrand, wenn auch schmal, aber immerhin. Bis Champoton fuhren wir weiter.
Champoton ist ein Fischerhafen, der an der Mündung eines grossen Flusses liegt. Ein wenig verrucht scheint es auf den ersten Blick, und viele Hotels gibt es nicht. Als wir danach fragten und ein Einwohner uns Auskunft gab, bemerkte sein Kollege, er wolle uns doch jetzt nicht zu Don Abel schicken? Man wisse doch, dort werde – O-Ton – gemordet, gestohlen, entführt und geraubt. Nette Aussichten. Nach einigem Irren fanden wir ein schönes Hotel mit Meerblick, Swimming Pool und allen Annehmlichkeiten zu durchaus moderatem Preis.
Erstmal in den Pool gehüpft und dann wieder ins Auto, ein paar Bier und eine Kühlbox gekauft, auf die andere Seite der Lagune, wo uns ein wunderschöner Sonnenuntergang über dem Golf erwartete. Abends dann mit Heisshunger und voller Vorfreude auf Meeresgetier setzten wir uns wieder in eine kleines Strassenrestaurant, wo wir gemischten Meeresfrüchtecocktail und Camaron al Ajo bestellten. Naja. Wenn wir das überleben, dann kann uns die mexikanische Küche wohl nichts mehr anhaben.
Champoton ist eine seltsame Stadt. Es gibt hier eigentlich nichts, ausser Schuhläden, davon aber viele, mit vielen sehr hässlichen Schuhen, viele Kopierläden, und damit hat sichs dann eigentlich. Einige Restaurants, in denen die Fahrer der riesigen Trucks absteigen, die hier durchfahren, um die gesamte Küste zu beliefern – mit Bier, Melasse und Betonelementen. Es dämmert uns, warum Champoton in keinem Führer erwähnt wird.
4.11.08 Champoton-Villahermosa
Sebas:
Wahltag in USA: schwarz gegen Weiss, Farbe bekennen, Alt gegen Neu oder doch egal? In Mexico spielt das keine Rolle, da Altes so gut wie Neues ist, warum deshalb darüber nachdenken oder nachdenken lassen.
Wieder sehr früh für unsere normalen Verhältnisse ging es los; aber vorher sprangen wir noch in den hauseigenen Pool und bestellen zu den obligatorischen Eiern noch Empanadas. Ursprünglich wollten wir bis Ciudad del Carmen fahren, 150 km entlang am Golf von Mexico. Je weiter wir vorankamen, desto schöner wurden die Strände – mehr Sand am Strand. Ich fuhr wieder wie die Mexikaner: schnell, rücksichtslos und gefährlich. Wir trafen ein Pärchen aus Argentinien, welches auf dem Motorrad unterwegs war. In wenigen Minuten erklärte uns la Senora die Welt des Reisens auf der Strasse und liess ihren Mann ausruhen. Sie waren seit drei Monaten unterwegs. Die Panamerican von Argentinien bis Kanada bis Miami und weiter nach Mexico. Reisende haben ihre ganz eigene Sprache, voller bleibender Momente der Gemeinsamken. Das Kennenlernen wird auf die Essenz des Reisens komprimiert. Aus diesen Momenten entstehen dann später die Geschichten – bleibende Momente. Ciudad des Carmen ist ein Ort für Mexikaner. Die Strandpromendade war leer, einige Hütten servierten ein Minimum an Service. Die leeren Strände mit den schattenspendenen Palmenschirmen liessen erahnen, welche Hektik zum Hochbetrieb herrschen muss. Viel interessanter waren natürlich wieder die anwesenden Mexikaner, welche ihr Auto vor ihrem Tisch parkten und laut, sehr laut Groschensalsa hörten. Das fahrende Soundsystem wir konsequent umgesetzt und laut muss es immer und überall sein. Es scheint fast so, dass Stille gefährlich ist oder es zeigt nur, warum Lateinamerikaner, wie auch die Südamerikaner, immer laut sprechen.
Wir dachten über unsere Optionen nach: zum einen wollten wir ein wenig Wasser und Strand, zum anderen gab es ja noch das Surfen und Touristen. Machen wir uns nichts vor, das Suchen nach Abgeschiedenheit, das Reden vom menschenleeren Traumstrand in Lateinamerika gilt nur solange, bis man das erste kühle Bier, den ersten Cocktail, das Gespräch mit anderen Reisenden eingenommen und angenommen hat. Wir wollten an die Pazifiküste und so schnell wie nur möglich. Der Weg dorthin führte über Villahermosa im Bundenstaat Tabasco, dem vergessenen ölproduzierenden Einod. Villahermosa schien und das Gateway zu dem anderen Mexiko, zu den Stränden mit Reisenden – den Geschichten. Ausserdem ging die ganze Zeit ein Werbespruch durch meinen Kopf “el mar te vuelva a llamar”, das Meer rief mich das surfen zu lernen, die Macht der Wellen zu verstehen. Der internationale Reisende muss flexibel sein, um schnell reagieren zu können, da Erwartungen nicht immer erfüllt werden. Mit der Fahrt nach Villahermosa strichen wir Oaxaca von unser virtuelen Route und machten uns auf den Weg. Unterwegs machten wir noch Halt in einem kleinen Fischerdorf um etwas zu essen und das autentische Mexiko auf uns einwirken zu lassen. Wir fanden auch Stille für einen Moment, bis der freundliche Mexikaner uns zwei Teller mit Fisch servierte und die riesige Musikbox anwarf. Ohrenbetäube Krach, Salsagabba ertönte und liess uns zusammenzucken. Er wollte uns wahrscheinlich einen Gefallen tun – Musik zum Essen. Wir baten ihn das Salsainferno leiser zu machen. Leiser machen heisst in Mexiko ausmachen, das es ja normal leise nicht gibt; laut oder still aber nicht leise. Nach einer Weile donnerte es aber wieder musikalisch auf uns herab. Entweder hatte Pepe eine Fernbedienung für die Kiste oder die mexikanischen Musikboxen hatten eine eingebaute Zeituhr, welche nur zehn Minuten des Abschaltens abzeptierten. Die perfekte Mensch-Maschine: hemmungslos und malträtierend für uns. Wir zahlten und fuhren weiter. Villahermosa näherkommend fuhren wir durch eine der vielen Strassensperren, welche von Polizei oder Militär kontrolliert wurden. Bei einer davon stand ein junger Soldat hinter einem Maschinengewehr an der Strasse, beladen mit Munition, die ganze Häuserblöcke einaschen würde – gefährliche Männerspielzeuge in den Händen von Jünglingen.
5.11.2008 - Villahermosa – Zipolite
Michi:
Der Entscheid, direkt und ohne Umweg an die südwestliche Pazifikküste zu fahren war tags zuvor gefallen: zu gesichtslos war die Golfküste, und so wussten wir, dass wir von Villahermosa frühmorgens losfahren mussten um abends den Pazifik zu erreichen. Wir legten gegen neun Uhr ab, erste dreihundert Kilometer in kürzester Zeit auf der Quota, der zahlungspflichtigen Autobahn. Danach runter und gegen Süden. Hier wurde es schwieriger: die Strsse verschwand fast völlig und an ihre Stelle trat ein Schlachtfeld des Menschen gegen die Natur. Siebzig Kilometer Schlaglöcher und Baustelle. Konstant wird der Strassenbelag geflickt und beinahe mit demselben Tempo nimmt sich der Regenwald das Territorium zurück, indem er die Strasse unterspült, den Asphalt aufreisst und eine vernarbte, durchlöcherte Fahrbahn zurücklässt, die gerade mal im Schrittempo befahren werden kann. Daneben, darum herum, die atemberaubende Kulisse des Dschungels.
Irgendwo musste ich Pause machen, wir setzten uns am Strassenrand in einen Unterstand wo wir das beste Pollo Asado zu essen kriegten, das ich je gekostet habe. Unglaublich, hier inmitten des Waldes am Strassenrand, im Staub der vorbeischleichenden Lastwagen, eine Delikatesse sondergleichen.
Sebastian übernahm und bald wurde die Strasse besser, zu Doors auf dem Highway dem Pazifik entgegen. Und dann plötzlich: Meer vor uns. Wir fuhren weiter, bis Huatulco, einem Golfresort, wie sich herausstellte, und fast komplett unattraktiv. Nun gut, es war schon gegen fünf Uhr, und bis Puerto Angel waren es siebzig Kilometer. Ich übernahm also das Steuer wieder und fuhr die traumhaften Serpentinen entlang der Küste, hatte natürlich nicht mehr viel Auge für das Panorama sondern genoss es, den Chevy im zweiten Gang um die Kurven zu kitzeln.
Es nachtete ein, rund zehn Stunden waren wir gefahren, als wir in Puerto Angel ankamen. Hier bot sich schon ein viel freundlicheres Bild: Hippies und Laid-Back Pazifikstimmung, klar war: die letzten paar Kilometer bis Zipolite würden auch noch gehen.
Es war bereits tiefe Nacht, als wir in Zipolite eintrafen. Die Scheinwerfer fielen auf handbemalte Schilder mit Aufschriften wie: Cosmico, Shambala, Shangri-la, und wir wussten, ja, hier wollten wir sein. Ins Cosmico checkten wir ein, in einen Bambusbungalow mit direkter Aussicht aufs Meer, von dem der Mond die Gischt der Wellen zeigte und die Nachtluft das Donnern der Brandung zu uns trug. Ein paar Schritte führten uns zum Strand, und im Schein von Fackeln genossen wir direkt am Pazifik eine wunderbare Piña Colada, gerechter und entschädigender Lohn für einen sehr langen Strassentrip, 700 Kilometer lagen hinter uns und vor uns ein paar Tage traumhaftes Strandsein.
Sebastian:
Wir hatten uns viel vorgenommen, die Fahrt bis zur Pazifiküste war auf lang. Ich konnte die Nacht nicht schlafen, zu viele Eindrücke gingen mir durch den Kopf – Dinge die mich bewegten hier und in Norge. Michi übernahm das Steuer die ersten 300 km und wir kamen gut voran, da auf der Autobahn kein Tempolimit herrschte und bei 180 km/h flogen wir auf der linken Spur den Mexikanern davon und verliessen den Bundestaat Tabasco und gelangten nach Veracruz, welcher im Süden an Oaxaca grenzte. Wir entschieden uns über den Ort Matias Romero und Juancito de Zaragosa bis nach Salina Cruz zu fahren. Eine Strecke die sich über annähernd 200 km hinzog und welche stellenweise nichts mehr mit Autofahren, wie wir es kennen, zu tun hatte. Strassen mit metertiefen Löchern, Strassen, die zur Hälfte weggespült waren, Strassen, die eher an einen Panzerweg erinnerten, liessen uns zweifeln, ob wir es jemals schaffen würden rechtzeitig in Salina Cruz anzukommen. In Matias Romero, einem heissen, staubigen Ort an einer der vielen kaputten Strassen, die trotzdem voller Leben sind, machten wir Rast und bestellen gegrilltes Huhn; ein Huhn in einer Marinade, die nur in den Köpfen der beiden Frauen existierte, eine Marinade welche die Finger-Food-Mund-Bewegung eine ganz neue Dimension gab. Ich übernahm das Steuer und die Strassen wurden besser. Wir überquerten einige Bergpässe und sahen 100 km vor Saina Cruz ein riesiges Tal mit Windrädern. Ein seltsamer Anblick, da sich keines drehte, Stillstand wo man nur hinschaute. Auf der Schnellstrasse nach Salina Cruz änderten wir unsere Pläne, da wir noch Zeit hatten und es bis Huatulco schaffen konnten. Dieser Ort versprach billige Unterkünfte mit Blick auf den Strand. Wir konnten nicht glauben, als wir sahen, dass Hualtuco eher einem Yachthafen glich, gebaut für ein Klientel, bestehend aus reichen Mexikanern, die unter sich bleiben wollten. 70 km weiter entlang der Küste lag der Ort Zipolite, welcher den Charm einer Hippikommune vorgab zu haben. Wir waren jetzt schon 7 h unterwegs, hatten 500 km zurückgelegt und waren fast am Limit. Wir fuhren durch die Nacht und kamen nach einer weiteren Stunde endlich an; ganz am Ende des Strandes in Zipolite gab es das Lo Cosmico, Unterkünfte mit Blick auf das Meer und dem endlosen Kosmos im Kopf. Endlich endlich war die Zeit gekommen für le grand chillout…
6.11.2008 – 8.11.2008 Drei Tage Zipolite
Michi:
Na, was soll man dazu sagen? Am Westende des Strandes hatten wir einen zweistöckigen Bungalow gemietet mit Küche und Bad, von dessen Terrasse aus man in der Hängematte den ganzen Strand überblicken konnte.
Zipolite ist das Hippie-Mekka in Mexico. Beach of the Dead wird der Ort genannt, wegen der tückischen Strömungen, die hier regelmässig Todesopfer fordern. Schon einige wenige Schritte ins Meer und man spürt den hinterlistigen Sog. Der Strand ist breit und fein und weiss und ungefähr einen Kilometer lang, und es reihen sich direkt daran kleine Restaurants aus Bambus und Holz, wo man alles kriegt, was man denn finden möchte. Es gibt hier nicht viel zu tun, ausser Sonnenbaden und Geniessen.
Das taten wir denn auch nach Kräften – drei Tage lang. Danach waren wir auf jeden Fall in den Ferien angekommen: entspannt, runtergefahren, und hatten den Rhythmus des Landes in uns aufgenommen, der auf keinen Fall erlaubt, zwei Dinge gleichzeitig zu tun und nach jeder abgeschlossenen Handlung eine Pause fordert.
Sebas:
Die nächsten drei Tage standen ganz im Zeichen des Grand Chillout, dem Warten auf das Warten, dem süssen Nichtstun, dem Zurückdrehen fehlender Uhren, dem Blick auf das Wesentliche – das Meer. Wir hatten ebenfalls ein neues Haus bezogen, direkt im Nachbarkosmos “Shambala”. Unsere Strandhütte bestand aus den obligatorischen Dingen des sich wohl fühlens und einer Terrasse mit dem ungestörten Blick auf Neu- und Altnudisten aus aller Welt, doch der Blick auf das Meer überwiegte.
Mehr Meer gab es auch zwischenzeitlich, als wir eine Schnorcheltour mitmachten. Wir fuhren mit dem Boot raus, sahen Orkas, eine ganze Familie davon. Was für ein Anblick. Wir waren bereit für mehr auf dem Meer. Das Schnorcheln hatte aber etwas mit Seifenwassertauchen zu tun: Man sah nichts, hatte einen seltsamen Geschmack im Mund und es schäumte beharrlich um einen herum.
9.11.2008 – 15.11.2008 One Week Puerto Escondido
Michi:
Nun, Puerto Escondido ist anders als alles andere vorher. Nur anderthalb Stunden Fahrt von Zipolite brachten uns in die pazifische Surfermetropole. Der letzte Termin der World Surf Tour sollte diese Woche hier stattfinden, Vans hatte bereits ein riesiges Zelt aufgebaut und auf den Strassen, am Strand und in den Wellen stolzierten jede Menge braungebrannte Surfer mit durchtrainierten Körpern. Wir fanden ein Apartment von einer Grösse, die uns kaum möglich schien, jedes Einzelne an dieser Wohnung war hoffnungslos überdimensioniert. Allein die Duschkabine mass circa sechs Quadratmeter. Irgendwann später dann ein Erklärungsversuch: Leute, die immer ein Surfbrett unter dem Arm haben, brauchen einfach verdammt viel Platz.
Gleich im selben Haus war ein Surfshop, in welchem wir auch die Surf Lessons buchen konnten, bei Chire, dem Präsidenten der Surfervereinigung von Puerto Escondido. In einer Stadt, die eigentlich nur vom Surfen lebt, ist der Präsident der Surfervereinigung ein Mann, der wohl mehr Einfluss hat als der Bürgermeister. Das zeigte sich spätestens im Wasser: als Schüler von Chire hatte man, schlicht gesagt, Narrenfreiheit. Wenn ein anderer Surfer es wagen sollte, den Mund aufzumachen oder ein Recht für sich zu beanspruchen, dann schwamm Chire hin, machte auf sehr laute und sehr eindringliche Weise sein Derecho Local klar, und alles war gegessen.
Wir kämpften also Tag für Tag gegen den eigenen Willen, gegen die Welle, gegen die Ermüdung, und jeden Tag ging es ein bisschen besser, jeden Tag verliebten wir uns ein bisschen mehr in den Sport. Neben unserer Aktivität fand der Wettbewerb statt und abends trugen die Surfer von Weltklasse ihre Körper spazieren. Man muss sagen: sie waren cool. So cool, dass neben der Coolness praktisch kein Platz für anderes blieb. Setzte man sich abends ins Restaurant, wurde über die Welle gesprochen, oder über das Brett, oder über beides, oder es wurden Videos über Surfen angesehen. Und überall Amerikaner, mit Akzenten, die den Eindruck machten, wenn man länger zuhörte würde man entweder taub oder blöde oder beides. Quäker eben.
Wir verliessen Puerto Escondido mit dem Willen, surfen richtig zu lernen. Viel hatten wir erlebt in dieser Woche, Trank, Hahnenkampf sowohl von Menschen als auch von Hähnen ausgetragen, hatten tolle Menschen kennengelernt und auch langweilige, Puerto Escondido wird nicht den letzten Besuch von uns erhalten haben.
Sebas:
Puerto Escondido versteckt sich nicht, muss sich nicht verstecken. Man kommt nach Puerto um zu surfen, oder es zu lernen. Ganz ohne Reiseführer fuhren wir am Strand entlang, um das richtige Hotel zu finden, wo wir eine komplette Wohnung mieten konnten. Am Ende der Zicatela fanden wir das Pacifico Surf Hotel. Am Eingang eine Schild mit einer Telefonnummer drauf, ich rief an und eine freundliche Mexikanerin teilte mir den Preis für eine Woche und versprach in 5 min dort zu sein. Sie kam, schloss die Wohnung auf und es gab keine Diskussion – alles war so wie es sein sollte; viel Platz und einen riesigen Balkon mit Blick auf die einlaufenden Wellen. Wir zahlten und konnten es nicht fassen. Ein Palast am Strand, das fing doch sehr gut an. Auf der Suche nach der Surfschule gingen wir nur aus der Tür und betraten rechts daneben das kleine Colorada. Kurz vom Eintreten bemerkte ich einen seltsamen Geruch von der Tür kommend; nicht unangenehm aber auch nicht natürlich, eher steril. Das Colorada war einer dieser vielen Läden, die Surfkultur verkaufen: Homo surficus ist sehr markenverwöhnt und folgt problemlos Trends. Wir trafen auf Checo, einem dieser vielen lokalen Surfhobos. Wenig später kam Umberto, auch Chirri genannt, der Boss und Surflehrer vom Colorada. Am Montag sollte es losgehen, jeden Tag zwei Stunden. Surfen ist noch eine vergleichbare junge Sport- und Lebensart. In Puerto treffen so viele Hungrige aufeinander, die einen suchen (noch) das Gleichgewicht auf den Wellen, andere durchqueren die berühmte Mexican Pipe, einer sich drehenden Wasseröhre, die einem Surfer aber genug Platz lässt hindurchzugleiten und dann die Arme hochreissend ins Wasser zu fallen – nicht viele können das. Kann man surfen in einer Woche lernen? Ja. Kann man danach surfen? Nein. Wie lange braucht man, um surfen zu können? Einen Monat des Trainings, jeden Tag.
Wir hatten keinen Monat, dementsprechend hungrig gingen wir es an. Der erste Tag bemerkenswert gut an; Chirri gab eine kurze Trockendemonstration am Strand, danach ging es mit mit dem Longboard in die Wellen. Wir wechselten uns am, einer draussen am Strand, der andere in den Wellen. Das Longboard ist für den Anfänger ein angenehmes Unterfangen: es liegt gut im Wasser und man muss nur den Aufstand schaffen; dann surft man auf der Welle. Unsere Hauswellenmaschine hiess La Punta und die das Herauspaddeln, liegend mit gerecktem Oberkörper, fanden wir nicht so schwer, bis zum nächsten Morgen.
Die nächsten Tage waren die reinste Fitnessqual: Arme schwer wie Blei, Rücken und Brustbereich schmerzten, der Kopf dröhnte mir, nur schwerlich ging es mit dem Wellenreiten voran.
Riding on the shoulder of a rolling giant
Lasting moments of being spit out
tunneling thru the green snake
Surfing on the shoulder of a rolling giant
Falling into giant walls of water
Lasting moments of fear and salt
eyes open for the unleashed board
alive you cry
Falling into giant walls of water
Balancing on the the broken shoulder of a rolling giant
small enough to make you fall
advising you
to do it again
Up and down on the broken shoulder of a rolling giant
Watching the ocean for signs of giants
keeping an eye open for riders
going in and out
Arms up and falling down
Watching the ocean for more signs of giants
Nach einer Woche der Übens – fluchend, schmerzend, fallend und schließlich surfend – wusste ich, das ist mein zukünftiger Sport in Verbindung mit Reisen. Ich werde nie ein richtiger Surfer sein, aber das Surfen werde ich praktizieren.
Puerto Escondido ist ebenfalls eine Stadt der Quäker. Horden von Amerikanern an einem Ort bilden unweigerlich ein quakendes Ensemble von ohrenbetäubender Superlative; lauthals und sehr oft trunken versuchen sie sich anzupassen; meist endet das in Szenen wie “hey man, gracias man”, oder hook-up lines wie “hey you, got a cigarette or something?”
16.11.2008 Zipolite
Michi:
Noch einmal Station in der Hauptstadt des süssen Nichtstuns, noch einmal ein Tag lang der Blick von der Terrasse auf den Pazifik, bevor die Rückreise anzutreten war. Derselbe Bungalow wie beim ersten Besuch hier, die Sessel aus dem Wohnzimmer auf die Veranda und dann fand ein Tag Leben auf diesen Sesseln statt, hin und wieder aufstehen und einen Drink mixen, hin und wieder ein paar Schritte ins Restaurante Alquimista um etwas zu essen. Kaum ein Wort gesprochen, nur Verarbeitung von Eindrücken, Füllen der Speicher, um irgendwann in Zukunft all dies zu verschriftlichen.
Sebas:
Wir kehrten zurück nach Zipolite; unser Haus am Strand im Shambhala wartete auf uns. Wir stellten die berühmt-berüchtigten Königssessel auf die Terrasse und blickten für die nächsten 2 Tage auf das Meer. Es war anders als beim letzten Mal. Wir studierten die Wellen, analysierten die Surfer und Funboarders – jeder für sich. In la Choza, einer dieser vielen Strandbars, trafen wir auf ein israelisches Paar, welches hinter als auch vor der Bar arbeitete. Ihre Geschichte war sehr abenteuerlich und es schien mir, dass er aus der Armee desertierte, um in Mexico unterzutauchen. Wie sonst ist zu erklären, dass er sich drei Tage nach Einzug in das Heer nach Mexico absetzte? Wenig später wurden wir von einer spanischsprechenden Quäkerin auf eine Party eingeladen im Club “la Libelula”. Dort fanden wir reichlich latin fever.
17.11.2008 Zipolite – San Cristobal de las Casas
Michi:
Wieder einer der längeren Ritte stand bevor: rund 500 Kilometer mitten ins Herz der Chiapas, in die Hochburg der EZLN (Ejército Zapatista Liberaciòn Nacional). Wir starteten frühmorgens, und die Reise entlang des Pazifiks begann, durch eine brache Wüste, in welcher die Beschilderung der Strassen erfolgreich auf ein Minimum reduziert worden war mit dem Resultat, dass wir jede Abzweigung mehrere Male von verschiedenen Seiten anfahren mussten, um schlussendlich den richtigen Weg einzuschlagen.
Weiter, langsam den Berg hoch, und mitterweile nachtete es auch ein, die erste Nachtfahrt auf einer mexikanischen Autobahn. Mit mexikanischen Scheinwerfern verhält es sich ähnlich wie mit der Musik: entweder voll oder gar nicht. Spannend wars auf jeden Fall, und das Aussenthermometer des Chevy fiel kontinuierlich. In San Cristobal angekommen, stand es bei neun Grad, was nicht weiter verwunderlich war, denn San Cristobal liegt auf über 2000 Metern Höhe.
Rein ins Hotel, warm angezogen, raus auf die Strasse, wo wir einige Besorgungen machen wollten, vor allem viel Wollenes und Terroristisches gab es auf den Touristenmärkten zu kaufen, und während Puerto Escondido von Quäkern dominiert gewesen war, herrschten hier Deutsche vor. Eine sehr schöne Stadt allerdings, komplett nicht höher als zwei Stockwerke gebaut, mit Innenhöfen, die einfach nur paradiesisch genannt werden können, ganze Urwälder waren unter glasgedeckten Kuppeln angelegt worden, jedes Gebäude eine Überraschung.
Sebas:
Montag morgen traten wir die Rückreise an, 1500 km lagen vor uns. Unser erstes Ziel war die Hauptstadt des Bundesstaates Chiapas. Wir fuhren entlang der Pazifikküste bis Arriaga, passierten seltsam klingende Orte wie Cintalapa, Ocozocantlo, Tuxtla Guiterrez, um nach 10 h endlich in San Christobal anzukommen. Nach Tagen der Hitze am Pazifik waren Tempteraturen unter 10°C eher unangenehm und so mussten wir wieder dicke Sachen anziehen. Ausserdem war wieder shoppen angesagt. Vieles an dieser Stadt, angefangen von der Lage auf 2000 m, bis hin zu den Märkten der Artesanias, erinnerte mich stark an Cusco in Peru – beide Städte hatten viel Charme. Dazu kam, dass viele Innenhöfe der vielen Hotels an Filmkulissen erinnerten. Einige liessen den morgendlichen Jagdinstinkt aufkommen, viel Dschungel unter Glas; wiederum andere konnten nicht verbergen, dass die Kolonialzeit in den Köpfen der Gäste eine wichtige Rolle spielt.
18.11.2008 San Cristobal – Escàrcega
Michi:
Früh wollten wir los, da wir aber noch Einiges einkaufen mussten, starteten wir erst um zehn Uhr morgens. Erstmal ging es weiter bergauf durch Nadelwälder, Sebas meinte, es sehe aus wie in Norge, ewig lange schnurgerade Strassen zwischen haushohen Hölzern. Dann bog die Strasse nach Palenque links ab, und der Nadelwald wich einer kargen Vegetation, und nun wurde klar, warum dies hier die Hochburg der EZLN genannt wird: links und rechts der Strasse Stacheldraht mit grossen Schildern, auf denen klar und deutlich zum Ausdruck gegeben wurde, dass dieses Land zurückerobert sei, und dass Fremde, Regierungssoldaten und Polizisten nicht gerade willkommen waren. Dazu kam dichter Nebel auf, mitterweile waren wir auf ungefähr 2500 Metern über Meer, und all dies, Nebel, die Schilder, die sich dahinschlängelnde Strasse machte einen sehr gespenstischen, verzauberten Eindruck. Die Devise war klar: bitte keine Panne.
Nachdem wir das Hochland passiert hatten, mäandrierte die Strasse in engen Kurven den Hang hinunter, immer weiter, immer weiter runter, rund zweihundert Kilometer im dritten Gang, ein Traum für jeden Vielfahrer und extrem ermüdend, sowohl für Lenker als auch für Beifahrer. Wir waren denn nicht böse, als die Ebene wieder begann und wir ziemlich fertig in Palenque einfuhren. Da wir uns vorgenommen hatten, die Reise nach Tulum, die am nächsten Tag geplant war, vorteilhaft bereits heute zu verkürzen, stiegen wir in Palenque nur kurz aus und dann übernahm Sebastian das Steuer und brachte uns bis kurz vor Escarcega, wo ich wieder übernahm, und bei Nachteinbruch fuhren wir in Escarcega ein.
Escarcega ist ein trauriger Ort. Eine Transitstrasse führt quer durch die Siedlung, auf der tagein, tagaus die Vierzigtönner vorüberdonnern, einige Strassen gehen ab, und sobald man sich von der Hauptstrasse wegbewegt, beginnt man, um sein Leben zu fürchten. Bars oder Restaurants gibt es nicht, einige Stände am Strassenrand. Ein Restaurant fanden wir doch, das Essen sowie die Leute, die es betrieben, waren jedoch äusserst düster.
Unser Hotel: eine Katastrophe. Ein Zimmer, das nach frischem Beton roch, wenn man im Korridor falsch abbog stürzte man in ein Loch, da wo man irgendwann aufgehört hatte, die Terrasse zu bauen, Matratzen mit Blutflecken, die von Gelegenheiten stammten, die man sich besser nicht vorstellen wollte. Nun denn, am nächsten morgen wollten wir mit Tagesanbruch losfahren, also liessen wir uns nicht beirren und legten uns hin.
Sebas:
Ein Tag im Herzen der Berge von Chiapas. Eigentlich wollten wir nur bis Palenque fahren, dabei einen kurzen Sprung in die Quellen von Aqua Azul machen, welches auf dem Weg lag; aber es sollte anders kommen. Bis Palenque mussten wir 240 km Serpentinenstrecke durchqueren. Michi fuhr meisterlich und ich probierte mich in verschiedensten Stellungen, um nicht ständig Muskelkrämpfe in Nacken und Bauchbereich zu bekommen. Auf den ersten 100 km kam es mir vor, als wären wir in Norge; Nadelwälder, Mischwälder, steinige Felder, alles sehr urig und vertraut.
Chiapas ist bekanntlich umkämpfte Zone zwischen den Regierungstruppen und der EZLN, Letztere wird vom pfeiferauchenden vermummten Subcommandente Marcos angeführt. Unmissverständlich machten uns Schilder am Wegesrand darauf aufmerksam, dass die EZLN beim Eintreten in die dahinterliegenden Wälder entsprechende Handlungen vornehmen würde; konkret hiess das, der Gebrauch der Schusswaffe ist möglich. Dieser, offensichtlich sehr offen ausgetragene Konflikt wird noch dadurch bestärkt, dass ganze Infanteriebatallione der Regierung in den Wäldern stationiert sind. Werden dadurch Lösungen erzeugt? Sicherlich nicht…
Wir passierten Aqua Azul und Palenque, ohne beide Städte zu sehen, um rechtzeitig in Escarcega anzukommen. Beim Verlassen von Palenque übernahm ich das Steuer und traf auf Dodge Snyder, einen Mexicaner im aufgebockten Dodge, der aus einem Mad Max Film entsprungen schien. Ein Mann, ein Wort, ein Auto, und was für eins. Dodge Snyder transportierte irgendwelche Holzlatten und sprang regelrecht über die Topes, die eigentlich jedem Fahrer zwangen, die Geschwindigkeit zu drosseln. Ich hängte mich an seine Fersen, konnte aber weder beim Springen noch bei den riskanten Überholmanövern mithalten, der Kerl hatte einfach zuviel Benzin im Blut.
Wir erreichten schliesslich Escarcega, eine Stadt zwischen zwei Hauptstrassen; einer Stadt ohne Gesicht mit dem Flair eines Bombenkraters. Unser Hotel glich einer riesigen Baustelle, alles war nur halbfertig, Betten mit Blut beschmiert und Schüsse in der Nacht vor unserem Fenster. Es gab nirgends auch nur annähernd eine Bar und so mussten wir uns in der lokalen Billardhalle bei Wasser und Zigaretten müde spielen.
19.11.2008 Escarcega – Tulum
Michi:
Wie vereinbart liessen wir im Morgengrauen das escarcegische Trauerspiel hinter uns, Sebastian übernahm das Steuer und fuhr durch dichten Bodennebel, Landschaft, Strasse, Menschen und Autos nur schemenhaft zu erkennen, geheimnisvoll und wunderschön anzusehen, immer in die aufgehende Sonne hinein, die es nach einer Weile hier und dort schaffte, den Nebel aus der Luft zu lecken. Beim Kaffeehalt nach ungefähr einer Stunde war der Nebel bereits verschwunden und vor uns lag eines der besten Stücke Strasse, das wir in Mexico gesehen hatten. Mit schönem Tempo näherten wir uns der Grenze von Belize.
Von dort aus ging es Richtung Norden, ich übernahm wieder, und an einer Tankstelle nahmen wir drei Australier auf, die auf den Bus warteten und natürlich mehr als dankbar waren, zu einem komfortablen und schnellen Ritt zu kommen. Nur gerade zwanzig Minuten später setzten wir sie ab, eine Strecke, für die sie wohl über eine Stunde gebraucht hätten.
Für uns gings weiter in Richtung Tulum. Dort angekommen präsentierte sich uns ein kleines Horrorkabinett. Tulum, wenn auch der am wenigsten vom Tourismus zerstörte Küstenabschnitt der mexikanischen Karibik, ist ein Strip von ungefähr zwanzig Kilometern Bungalows, Bars am Strand mit Drinks aus Plastikbechern, Sonnenschirmen zur Miete, Preisen ähnlich Europäischen, noch nicht ganz so überfüllt mit den üblichen Italienern, Quäkern, Franzosen, Deutschen weil die Saison noch nicht begonnen hatte, aber man bemerkte, wie das zur Hochsaison sein muss. Mir stellten sich sofort die Nackenhaare, aber nun ja, da war man nun, wir versuchten, das Beste daraus zu machen, und es war immerhin nur für eine Nacht.
Sebas:
Gegen 7 Uhr morgens ging es los, da uns nichts in der Stadt hielt. Ich übernahm das Steuer und alles war Licht. Aufsteigender Bodennebel lliess eine gleissende Aura um uns herum entstehen. Schemenhaft entsprangen daraus Autos, Menschen, Bäume und liessen mich zweifeln, bin ich wirklich wach? Eine recht seltsame, über eine Stunde andauernde Situation.
Die Autoruta 307 bis nach Chetumal, nahe der Grenze zu Belize, war ein Traum für jeden Faher und Beifahrer; lange Gerade mit einigen Überraschungen: Pistenlöcher. Die Nadel blieb über lange Zeit bei 190 km/h stehen und wir flogen dahin, mit viel Rock aus der Autoröhre. Hinter Chetumal übernahm Michi das Steuer und wir nahmen ebenfalls für 30 km drei Backpackers aus Australien mit. Nach kurzer Zeit fragte einer von ihnen, ob es eine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt, da Michi, wie immer, die Nadel auf 160 eineichte. Ich blickte nach hinten und verstand die Unruhe des Fragenden; es war eng, heiss und zwei Verrückte vorne die masslos übertrieben, oder sich einfach nur den mexikanischen Umständen anpassten.
Kurz nach Mittag kamen wir in Tulum an und suchten eine Unterkunft am Strand. Wir kamen, sahen und wollten eigentlich gleich wieder weg. Massentourismus in Kombination mit schlechtem Service und hohen Preisen liessen meine bis dahin sonnige Laune schlagartig düster werden. Schnell wurde klar, dass Tulum ein Ort für Paare ist; eine gut ausgebaute Hotel- und Strandkultur zogen Flitterwöchler, Mallorca- und Ibizaerprobte sowie Rentner mit Geld an. Ein Albtraum für uns, ein Paradies für viele andere. Wir versuchten uns zu entspannen, sehnten uns zurück zur Pazifiküste.
20.11.2008 Tulum – Cancun
Michi:
Ziemlich fertig von einer langen Nacht in den Bars von Tulum begaben wir uns auf Shopping in Tulum. Gegen Mittag dann kehrten wir Tulum den Rücken und traten die letzte Etappe an. Anderthalb Stunden bis Cancun, wo wir beschlossen, das Auto gleich zurückzugeben und dann in einem Hotel in der Nähe des Flughafens unterzukommen. Gesagt, getan, wir misteten das Auto noch aus, das sich doch mit merkwürdigen Dingen gefüllt hatte während drei Wochen, vor allem aber mit verschiedensten Einkaufstüten, die man nach einem erfolgten Handel jeweils einfach auf den Rücksitz geworfen hatte, und natürlich einer erstaunlichen Zahl leerer Wasserflaschen.
Wir hatten das Auto erhalten, als es komplett neu war, wir gaben es zurück mit dem Gefühl, es sei dies nicht mehr ganz so sehr, viel hatte es erlebt, wie wir auch, doch die Vermieter bemängelten rein gar nichts. Sie empfahlen uns ein Hotel, das Einzige in der Nähe des Flughafens, und brachten uns gleich hin, es war das Marriott. Damit hatten wir nun nicht unbedingt gerechnet, waren aber bereit, die 140$ zu bezahlen, da es auf dem Zimmer freies Internet gab und der Transport um fünf Uhr morgens zum Flughafen inbegriffen war, was von Cancun aus auf jeden Fall auch noch dreissig bis vierzig Dollar gekostet hätte.
Auf dem Zimmer die Überraschung: doch kein Internet. Das heisst, schon Internet, aber nur mit Kabel. Nun denn, das MacBookAir hat keinen Kabelanschluss. Nachdem Sebastian von der Reception nach Kanada zum Servicecenter verbunden worden war und sich erfolgreich weigerte, Englisch zu sprechen, wurde die Gerente des Hotels angerufen, die dann auch kam. Sebastian war Herr der Lage, indem er der Gerente die Situation erklärte, dass immer mehr Leute mit diesem Notebook auftauchen würden und die Situation unhaltbar sei. Kurz darauf ein Telefon ins Zimmer mit einer Entschuldigung und fünfzig Dollar Preisabschlag.
So liessen wir es uns also gut gehen, im Jacuzzi, mit Bloody Marys und Angus Beef und gingen früh schlafen, denn ein anstrengender Tag würde es werden, Rück- und Weiterreise.
Sebas:
Generell kann Mexico als Land der vielen (Un)möglichkeiten bezeichnet werden; es gibt Laut aber kein Leise, rechts ist immer links und vice versa, Zeit- und Entfernungsangaben sind immer mit Vorsicht zu behandeln, Strassenführungen folgen einer ganz eigenen Logik, Einbahnstrassensystem in Städten leeren nur den Benzintank, die Qualität von Kaffee reicht von akzeptabel bis aufgewärmtes Motorenöl (Mexico ist Kaffeeproduzent); aber die Menschen, die Menschen, sie sind freundlich und hilfsbereit, die Landschaften spektakulär, Sonnenauf- und untergänge unvergesslich, das Meer ständig rufend und fordernd, die Verlockung, Land und Eigentum zu kaufen gross, Arbeitsbeschaffungsmassnahmen hinreissend komisch und manachmal zeitraubend für Ausländer, Die Angebotsmengen in grossen Supermärkten amerikanisch, Benzinpreise (noch) niedrig, die einfallende Rotten von Quäkern alarmierend, die klimatischen Bedingungen traumhaft, Moskitos hinterlistig und organisiert zahlreich. Alles deutet auf viel viel Input für Individualisten hin…viva Mexico…
21.11.2008 Cancun – Mexico D.F.
Michi:
Als uns der Wecker um fünf Uhr aus den Betten holte, war uns nicht direkt bewusst, dass nurmehr eine halbe Stunde der gemeinsamen Reise vor uns lag. Wir bestiegen den vom Hotel bereitgestellten Shuttle und fuhren zum Flughafen, wo wir an unterschiedlichen Terminals abgeladen wurden, nur gerade ein paar Augenblicke, um sich zu verabschieden nach drei Wochen, aber wir wussten beide: bald gehts wieder los, auf die eine oder andere Weise.
Ich betrat also das nationale Terminal, und da dies natürlich Cancun war, sah ich mich umgeben von betrunkenen (um 6 Uhr morgens) Quäkern und Kanadiern. Und doch gingen die Stunden irgendwie vorbei, und Mexicana brachte mich schlussendlich nach Mexico D.F., wo mich Jens am Flughafen erwartete.
Eine irre Stadt. Der pure Wider-, Über-, Un- und Wahnsinn. Ich lief erstmal drei Stunden lang hin und her durch die Stadt und liess Mexico City in mich hineinprasseln. Es gibt selten Situationen, in welchen ich um Worte verlegen bin. Mexico City zu beschreiben, dazu ist Sprache nicht mächtig genug und gleichzeitig möchte man Bücher schreiben, sich auf die Strasse stellen und schreiben, schreiben, schreiben, und wenn man sich hinsetzt, um es zu tun, dann geht gar nichts.
Ich lasse diesen Moloch auf mich wirken. I’ll be back. Bis dann – farewell!












mojen jungs – klingt alles sehr gut und ein wenig neid soll auch hier von mir rüberschwappen. euch noch viel spass und hasta pronto.
krengel
Hi Michi – ha din Link uf dr FB Site aklickt und bi voll in dim Reisebricht glandet! Cooli Sach…wie lang sind ihr unterwägs? Gniesses und immer schön witer schriebe, so dass au die wo am krampfe sind noh öppis drvo händ
) Bye-bye, Chantal
PS: Ab 16.02.08 gohts bi mir los…
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